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Kultur EMI will Studios an der Abbey-Road verkaufen
Nachrichten Kultur EMI will Studios an der Abbey-Road verkaufen
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20:43 16.02.2010
Eine Straße als Marke: Abbey Road. Quelle: ap
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Es ist der berühmteste Zebrastreifen der Welt: Kein Fußgängerüberweg brachte es zu solcher Popularität wie der vor den Abbey-Road-Studios im Nordwesten Londons. Schließlich überquerten hier einst die Beatles im Gänsemarsch die Straße. Ihre Pilzfrisuren waren da längst rausgewachsen, ihre Beliebtheit nicht. Der Rest ist Geschichte: Das Bild zierte das Cover ihres elften, 1969 erschienenen Albums „Abbey Road“, verhalf der Straße und den Abbey Road Studios zum ultimativem Kultstatus – und ist für unzählige Beatles-Fans und Touristen aus aller Welt noch immer ein guter Grund, mit Kameras bewaffnet in den Londoner Stadtbezirk City of Westminster zu pilgern. Kein anderes Plattencover (neben „Stg. Pepper“ und „Dark Side of the Moon“) wurde so oft nachgestellt wie dieses.

„Help!“ würde John Lennon dieser Tage vermutlich anstimmen, könnte er denn noch. Schließlich könnten auch die Abbey-Road-Studios bald Geschichte sein. Der angeschlagene britische Musikkonzern EMI will die legendären Aufnahmeräume verkaufen. Einem Bericht der „Financial Times“ vom Dienstag zufolge will die EMI mit der Veräußerung ihren riesigen Schuldenberg abbauen. Das Unternehmen, das 2007 von dem Finanzinvestor Terra Firma übernommen worden war, hatte im Geschäftsjahr bis Ende März 2009 einen Verlust von umgerechnet fast zwei Milliarden Euro gemacht und auch vor Zahlungsschwierigkeiten gewarnt. Ein Verkauf könne nun einen Millionenbetrag im zweistelligen Bereich einbringen, schrieb die „Financial Times“ unter Berufung auf mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen. EMI werbe derzeit um Bieter für das Gebäude, hieß es. Unklar ist ein viel entscheidenderes Detail: Wird auch der Markennamen „Abbey Road“ zusammen mit dem Gebäude verscherbelt? Dass die Marke mehr wert ist als das Gebäude, behaupten nicht nur Medienanwälte. Jeder, der die Aufnahmeräume haben will, will auch die Marke. Die Studios leben heute nicht von ihren technischen Möglichkeiten, sondern vor allem von der Legende. Wer in einem Raum Popmusik aufnimmt, in dem die Beatles Popmusik aufgenommen haben, wähnt sich an einem nahezu sakralen Ort. Ohne dass man es ihm verdenken könnte.

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Für 100 000 Pfund hatte EMI im Jahre 1929 das Haus in der Abbey Road Nummer 3 gekauft. Schon bald wurde es zu einem der beliebtesten Tonstudios der Welt. Die Beatles nahmen mit George Martin fast all ihre Platten in den Abbey-Road-Studios auf, experimentierten wild mit Mehrspurtechnik und anderem Equipment – und ließen sogar die Fernsehzuschauer daran teilhaben. In einer spektakulären Übertragung präsentierten die Pilzköpfe – live über Satellit! – vor 200 Millionen Zuschauern am 25. Juni 1967 ihre Single „All You Need Is Love“, und das mit prominenter Unterstützung. Mick Jagger und Keith Richards von den Stones waren dabei, Who-Trommler Keith Moon, Eric Clapton, Hollies-Sänger Graham Nash und Marianne Faithfull sangen mit.

Doch nicht alle legendären Abbey- Road-Aufnahmen stammen von den Beatles. Pink Floyd nahm hier (unter der Regie des jungen Produzenten Alan Parsons) das Album „Dark Side of the Moon“ auf, das seiner Zeit in technischer Qualität Jahre voraus war. Auch Radiohead, Oasis oder Herbert Grönemeyer spielten hier ihre Songs ein. Filmmusik wie die zu „Herr der Ringe“ oder „Star Wars“ wurde hier aufgenommen. Zunehmend bekam das Studio jedoch Konkurrenz durch billigere Aufnahmemöglichkeiten – und kam in Finanznöte.

„Es ist nur zu hoffen, dass sich das Studio auch mit neuen Betreibern seinen ganz besonderen Spirit bewahren kann“, sagt der hannoversche Musikproduzent Jens Krause. Schon fünfmal ist er in die Abbey Road gereist, um CDs von den Furys oder Jan Josef Liefers den letzten Schliff zu verleihen. Prominente Begegnungen inklusive, wie Krause sich erinnert. „Plötzlich saßen in der Kantine am Tisch neben mir George Lucas und John Williams, weil sie gerade die Filmmusik zu ,Star Wars’ aufgenommen haben“.

Wie gesagt: Die Legende lebt.

Julia Sellner

Imre Grimm 16.02.2010