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Kultur „Er hatte einfach Angst“
Nachrichten Kultur „Er hatte einfach Angst“
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00:16 08.03.2015
Von Imre Grimm
Sänger Andreas Kümmert (r.) will nicht zum ESC. Quelle: dpa
Hannover

Da standen sie nebeneinander, ratlos, noch immer perplex: Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungschef, Moderatorin Barbara Schöneberger. Und Ann Sophie, die das deutsche Ticket zum Eurovision Song Contest in Wien dann doch noch ergattert hatte. Auch sie freute sich allerhöchstens halb euphorisch. Vor ein paar Minuten hatte der Erstplatzierte Andreas Kümmert sein Siegerticket an die zweitplatzierte Ann Sophie weitergegeben – mit der lapidaren Erklärung: „Ich bin doch nur ein kleiner Sänger.“ Und über dem Trio schwebten jetzt die Fragen, die der ARD-Show einen Platz in der deutschen Fernsehgeschichte sichern werden: Warum tat er das? Und warum trat er es erst in der allerletzten Minute? Und ließ Ann Sophie damit aussehen wie die zweite Wahl? Und warum tat er es öffentlich?

„Dieser Moment hat uns alle schockiert“, sagte Schreiber. „Wir standen da mit offenem Mund. Die Bühne ist der natürliche Lebensraum von Andreas Kümmert, aber neben der Bühne gilt das offenbar nicht.“ Ja, man habe gehört von den „Schwierigkeiten“, die es mit Kümmert bei „The Voice of Germany“ gegeben hatte, der SAT.1-Castingshow, die er 2013 gewonnen hatte. Damals verweigerte er sich dem PR-Zirkus, sagte eine fest eingeplante Konzertreihe kurzerhand ab. Es gab vor „Unser Song für Österreich“ Gespräche hinter den Kulissen, zwischen Kümmerts Plattenfirma Universal, dem NDR, Schreiber, der Produktionsfirma Brainpool: Schafft er das? Hält er den ESC-Zirkus im Falle eines Falles aus? Kann ein Sänger mit starker Stimme und labiler Seele, den das notwendige Übel der Selbstvermarktung überfordert, zum ESC fahren? „Es war der Wunsch des Künstlers, hier mitzumachen“, sagte Schreiber, um Selbstdeeskalation bemüht. „Darüber haben wir uns gefreut. Aber wenn seine Seele sagt, sie schafft das nicht, dann muss man das akzeptieren. Es bringt ja nichts, da Druck auszuüben.“

Das tat auch Barbara Schöneberger in der Show nicht, die den Schockmoment als Gastgeberin souverän abfing – und ohne jede Einflüsterung aus der Regie entschied, Kümmert nicht zu drängen. „Das hat mir niemand souffliert“, sagte sie nach der Sendung. „Er wollte ganz offensichtlich nicht tief hinein in die ESC-Maschinerie, er hatte einfach Angst davor.“ Sie selbst blüht auf in ungeplanten Livesituationen - das sei „genau der Grund, warum sie den Job hat“, sagt Schreiber. „Man schreibt über uns – was wollen wir mehr?“, feixte sie. Und so war es die 41-Jährige die letzlich kurzerhand dafür sorgte, dass Ann Sophie erst im Tal der Tränen und Sekunden später auf dem Gipfel stand.

Die einen verstehen die Welt nicht mehr, die anderen sind voll des Lobes: Die Ablehnung des ESC-Vorentscheid-Sieges von Sänger Andreas Kümmert erregt die Gemüte. Viele lassen bei Twitter ihren Gefühlen freien Lauf.

„Ich bin Andreas dankbar“, sagte die 24-jährige Hamburgerin. Vom Clubkonzert nach Wien – dann doch noch. „Wenn sein Herz ihm das so gesagt hat, ist es das Richtige. Davor habe ich Respekt. Ich freue mich jetzt riesig, und ich hoffe, Deutschland ist mit dieser Entscheidung zufrieden. Das war megamutig von Andreas, denn es gibt nicht Schwierigeres, als das Musikmachen zu lieben, mit dem Umfeld aber nicht klarzukommen.“ In der Tat: ein unauflösbarer Widerspruch. Ein neues Votum, gar eine neue Show sind laut NDR nicht geplant. Und Kümmert? Ließ sich am Donnerstag nicht mehr blicken, hatte sich offenbar „verkrochen“ (Schreiber). Es muss ziemlich geraucht haben im Übertragungswagen, als Kümmert seinen Alleingang wagte.

Tatsächlich geht mit der Teilnahme am ESC eine Lawine von Verpflichtungen einher. Auftritte. Interviews. Promo-Termine. Werbeaktionen. Wochenlang. Das allerdings weiß in der Regel vorher, wer am Vorentscheid teilnimmt. Kümmert jedoch war schon vorher nicht fit, kam erst am Donnerstagmittag nach Hannover, probte kaum. Er sei krank, hieß es. Am Sonnabend soll er in Eppingen Konzertbesucherinnen beleidigt haben. Möglich, dass auch diese Schlagzeilen an ihm nagten. „Aber warum macht man bei dieser Show mit?“, fragte Schreiber. „Weil man gewinnen will. Ein anderes Konzept haben wir nicht.“

Ruhm ist eine große Herausforderung an die Persönlichkeit. Alle, die es in Rekordzeit ins Rampenlicht spülte, können ein Lied davon singen, nicht zuletzt Lena Meyer-Landrut, deren öffentliche Popstarwerdung vor fünf Jahren das halbe Land diskutierte. Kümmerts Moment der öffentlichen Überforderung war nicht der erste, deren Zeuge Millionen wurden. Unvergessen, wie einst „DSDS“-Kandidat Daniel Küblböck in einer RTL-Liveshow weinend zusammenbrach, weil seine Vertraute Gracia herausgewählt worden war. „Nur weil ich mal in der Glotze war, bin ich kein anderer Mensch“, soll Kümmert vor ein paar Tagen einem Veranstalter geschrieben haben, mit dem er nach einem Auftritt um Geld stritt. Es klingt trotzig und ein wenig, als sei der Wunsch Vater des Gedankens.

Und Ann Sophie, die Siegerin? Sie wirkte in der Nacht, als freue sie sich mit gebremstem Schaum, fühle sich in der ESC-Seifenblase aber wohl. Auch sie warb für Verständnis für den Showflüchtling. „Ich finde, wir lassen Andreas jetzt mal in Ruhe.“ Für April und Mai hatte sie eigentlich einen „Plan B“: ein Praktikum in der Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg. „Das kann ich jetzt wohl absagen“, sagt sie grinsend. Am 23. März tritt sie mit ihrem Siegertitel „Black Smoke“ bei der Echo-Verleihung auf. Da könnte es dann ein Déja vu geben: Moderatorin ist Barbara Schöneberger. Live in der ARD. Und zu den Nominierten in der Kategorie „Newcomer des Jahres“ gehört: Andreas Kümmert.

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