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Nachrichten Kultur Der Sieger, der nicht siegen wollte
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00:15 08.03.2015
Von Imre Grimm
Foto: Tritt den Sieg an Ann Sophie ab: Andreas Kümmert.
Tritt den Sieg an Ann Sophie ab: Andreas Kümmert. Quelle: dpa
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Hannover

Er zweifelte. Er wiegte den Kopf. Und dann sagte er in allerletzter Sekunde ab und ließ der Zweitplatzierten den Vortritt: Nein, sagte Andreas Kümmert, Sieger der ARD-Show „Unser Song für Österreich“. Er sei „momentan nicht in der Lage, nach Wien zu fahren“. Er sei „doch nur ein kleiner Sänger“. Und der Abend endete wie noch kein Vorentscheid in 60 Jahren ESC-Geschichte: mit einer Sensation. Der 28-Jährige aus Gemünden am Main gewann zwar am Donnerstababend in der TUI-Arena in Hannover. Aber nach Wien fährt Ann Sophie aus Hamburg, 24 Jahre alt, Gewinnerin der Wild Card beim Clubkonzert vor zwei Wochen, mit der Soulnummer „Black Smoke“. Kümmert machte den Reich-Ranicki - und nahm die Wahl nicht an. „Sie ist doch viel geeigneter“, sagte Kümmert. Warum er dann überhaupt antrat, sagte er nicht. Eine fiebrige Erkältung allein wäre bis Mai ja ausgestanden.

Ein denkwürdiger Abend

Was für ein denkwürdiger Abend: Da setzte sich der Sieger der SAT.1-Castingshow „The Voice“ mit seinem Midtempo-Truckerrocksong „Heart Of Stone“ als eine Art Paul Potts der Rockmusik gegen allerhand Dudelsackelend, Nashville-Country und Berliner Bumsrave durch – und änderte kurzerhand die Regeln. Aus Gründen, die nur er kannte. Bis zur letzten Minute sah es so aus, als werde Deutschland im Mai von einem kompakten, ziegenbärtigen Anti-Glamour-Kandidaten vertreten. Dann kam der Moment, der die ESC-Gemeinde noch eine Weile beschäftigen wird. Und Ann Sophie hörte staunend, dass ihr gelungen war, was schon im Vorjahr die Gruppe Elaiza geschafft hatte: der direkte Durchmarsch von absoluten Neuling zum ESC.

Was für eine Sensation! Andreas Kümmert gewann den deutschen Vorentscheid des ESC – und wollte den Titel nicht annehmen. Stattdessen fährt nun Ann Sophie nach Wien. Eindrücke von der Show in Hannover.

Unter Einsatz entscheidender Teile ihrer Anatomie und in einem viel diskutieren roten Hosenanzug war sie locker in Runde zwei gelandet und durfte dort einen weiteren Song präsentieren: „Black Smoke“, mit klaren Anklängen von Amy Winehouse. Geboren in London, aufgewachsen in Hamburg, zur Künstlerin ausgebildet am Lee Strasberg Institute in New York sang sie jahrelang in New Yorker Bars. Nun also: die größte Musikbühne der Welt.

Schon nach seinem Sieg bei „The Voice“ hatte Kümmert eine geplante Tour abgesagt. Es ist Spekulation, ob er den zu erwartenden Rummel als Bedrohung empfindet.

Offenes Rennen – bis zuletzt

Das Rennen selbst galt bis zuletzt als offen. In der schon seit Jahren kasperfreien ARD-Show fehlten die ganz großen Namen, dafür war die musikalische Vielfalt vergleichsweise groß: Altmodischer Countryfolk vom sympathischen Kölner Duo Mrs. Greenbird eröffnete den Wettbewerb. Das auch privat verbandelte Paar wirkte, als komme es frisch von der Aftershowparty einer texanischen Viehversteigerung, blieb aber chancenlos. Mittelalterliches Ethno-Geschwurbel mit Drehleier, Slash-Hut und Gemüse auf dem Kopf gab's vom heidnisch-zotteligen Gothic-Missverständnis Faun. Ihre naturnahe Hymne „Hörst du die Trommeln“ war Pop gewordener Eskapismus für Baumumarmer – die Superhits des elften und zwölften Jahrhunderts und das Beste von gestern. Ohne Chance war auch die Ravenummer von Noize Generation mit dem hüpfenden Münchener Produzenten Jewgeni „Jeff“ Grischbowski am weißen Udo-Jürgens-Gedächtnisflügel, umtanzt von etwas mopsig geratenen LED-Robotern, die es irgendwie aus den Neunzigern nach Hannover geschafft hatten.

Hoch gehandelt, tief gefallen

Hoch gehandelt wurden im Vorfeld die New-Age-Produzenten Erik Macholl und Andreas John (Fahrenheidt) mit ihrer Ballade „Frozen Silence“, vorgetragen von der dänischen Sängerin Amanda Pedersen. Ihr ESC-Auftritt mit wabernden Quallen-Stehlampen und illuminierten Ballett-Elevinnen wirkte aber überambitioniert und kühl, wie eine Ralph-Siegel-Nummer von 1991. Große Hoffnungen hatte sich auch Alexa Feser (35) gemacht, frühere DJane, Stewardess und Zeitungszustellerin aus Wiesbaden, die mit Altstadtfeströhre und Pressatmung immerhin ins Halbfinale kam und ihren stärkeren Song singen durfte, die Überlebensballade „Das Gold von morgen“. Die Mädchenband Laing – ein muskulöser Mix aus Neuer Deutscher Welle und und Tic Tac Toe – zeigte fahrradfahrend, dass Bodybuilding und Musikmachen einander nicht ausschließen müssen.

Souverän und spritzig

Es war eine nicht unoriginelle Leistungsshow des deutschen Popnachwuchses. „Volksmusik ist vorbei in der ARD“, hatte Moderatorin Barbara Schöneberger mit Blick auf die „Musikantenstadl“-Krise in der Generalprobe gesagt. Souverän, schlagfertig und spritzig („ESC – das ist nichts, was in Ihrem Auto eingebaut ist“) führte die „Queen Mum des ESC“ (Schöneberger) durch den Abend: „Barbara Fleischberger und Conchita Wurst in einer Show – ist nichts für Vegetarier heute!“. ESC-Glamour brachte die Vorjahressiegerin Conchita Wurst mit, die den Abend mit ihrem Gewinnersong „Rise Like a Phoenix“ eröffnete und daran erinnerte, worum es beim ESC geht: Pathos, große Geige, Originalität, aber eben auch: Qualität.

Kann man sich – nach Platz 18 für Elaiza im Vorjahr – denn nun mit Ann Sophie in Wien sehen lassen? Man kann. Sie ist eine würdige Vertreterin.

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