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Kultur Eckhard Henscheid kommt mit neuem Buch nach Hannover
Nachrichten Kultur Eckhard Henscheid kommt mit neuem Buch nach Hannover
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00:15 25.02.2013
Altersmilde: Eckhard Henscheid bei Decius.
Altersmilde: Eckhard Henscheid bei Decius. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

„Ich bin wohl harmlos geworden.“ Eckhard Henscheid musste seine Lesung in Hannover diesmal ohne Polizeischutz absolvieren. Anders als noch 2003, als der einstmals als Linker geltende Satiriker und Humorist gerade in das Visier von „Antifa“-Aktivisten geraten war. Er war damals Walser in der „Auschwitzkeule“-Debatte zur Seite gesprungen und wurde deshalb als Rechtsradikaler, gar als Antisemit attackiert. An diesem Abend hätte sich weder Grund noch Vorwand gefunden, um ihn anzufeinden. Es breitete sich in der Buchhandlung Decius so etwas wie Gemütlichkeit aus, als der geradezu altersmilde wirkende, eher humoristisch als satirisch-polemisch auftretende Schriftsteller seinen Erinnerungsband „Denkwürdigkeiten“ (Schöffling, 415 Seiten, 22,95 Euro) vorstellte.

Mit seiner dunklen Stimme, seinem Oberpfälzer Tonfall, der etwas bedächtigen Vortragsart gab er den brummigen Bären, der an diesem Abend nur in wenigen Momenten andeutete, wie sich ein Hieb seiner Pranke anfühlt. Der ehemalige Messdiener, der die lateinische Version des „Vater unser“ zum Besten gab, las ein paar Passagen aus seiner Kindheit und Jugend, als er als Schüler und Jungjournalist von Theateraufführungen berichtete, deren Besuch er sich erspart hatte. Seine Performance nimmt zuweilen skurril-altväterliche Züge an, wenn er seine Vorliebe bekennt, die er dem Weine und damit auch dem Dativ-E entgegenbringt.

Henscheid deutete sein starkes Selbstbewusstsein, das er als humoristischer Romancier hat (Ältere erinnern sich mit Vergnügen an seine Trilogie des laufenden Schwachsinns), bei dieser Lesung nur an - als er sich mit den von ihm mehrfach als Nichtskönner entlarvten Böll und Grass verglich. Was hier ironisch-kokett wirkte, liest sich in seinem Buch etwas drastischer. Dort entfaltet er sein polemisches Talent, gibt den zuweilen berserkerhaft dreinschlagenden Zuchtmeister. Dort pflegt er seine legendäre Feindschaft mit dem Literaturkritikerdarsteller Reich-Ranicki, Dummheit wird Habermas, Unfähigkeit und Talentlosigkeit werden auch Hüsch oder Zwerenz bescheinigt. Es graust ihm vor Politikern wie Hamm-Brücher oder Schorlemmer, Strauß oder „Jockel Fischer“. Und einigen, Luise Rinser oder Gertrud Höhler etwa, begegnet er mit offener Verachtung, noch heftiger ist seine Abneigung gegen das ihm verhasste Opernregietheater. Er schont aber auch den „späten Gernhardt“ nicht, dem er eine Schwäche für Ruhm und Geld nachsagt.

An diesem Abend aber gedenkt er nur respektvoll des frühen Robert Gernhardt, der ihm einst Vorbild und Lehrer war, als Henscheid ihn Ende der sechziger Jahre bei der satirischen Zeitschrift „pardon“ kennenlernte und mit dem er später die „Titanic“ gründete. Er erzählte, dass er zehn bis 15 „Lieblingsfeinde“ habe, die er seit Jahrzehnten „betreut“. Und dass es die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann auf diese Liste geschafft habe. In seinem Buch wird allerdings viel deutlicher, wie sehr ihn Sentimentalität und Selbstbeweihräucherung, die hierzulande im Kulturbetrieb sich nicht selten aufspreizen, abstoßen und zu Attacken reizen.

In „Denkwürdigkeiten“ entfaltet sich ein Stilmittel, das er bravourös beherrscht (aber vielleicht doch eher als Autor denn als Vortragskünstler): Er liebt es, kunstvoll labyrinthische Satzgebilde zu konstruieren, die freilich in ihrer an Drastik schwer überbietbaren Schimpfwütigkeit, ihren abrupten Wechseln von antiquiert gehobener („ruchlos“, „verderbt“, „lasterhaft“) zur derben Wortwahl („brunzdumm“, „saudumm“) barocker ausgestaltet sind als die von Kleist.

An diesem Abend präsentierte sich der ausgewiesene Opern- und Operettenexperte Henscheid vor allem als intimer Kenner der Fußballgeschichte, der nicht nur die Aufstellung der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954 („das kann jeder“), sondern auch die ihrer ungarischen Gegner auswendig hersagen konnte. Als wollte er seine Harmlosigkeit unterstreichen. Die Lektüre seines Buchs bestätigt diesen Eindruck nicht.

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