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Kultur Ein Herrscher und Imagestratege
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08:18 04.04.2012
Von Johanna Di Blasi
Feiert in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag: Friedrich der Große. Quelle: dpa
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Hannover

Man hätte genauso gut einen Affen aufs Pferd setzen können, soll Friedrich der Große (1712-1786) bei seinem Einzug in Berlin nach dem Sieg im Siebenjährigen Krieg gesagt haben. Kaum eine andere Anekdote gibt eine bessere Vorstellung vom trockenen Humor und der selbstironischen Haltung dieses Herrschers aus dem 18. Jahrhundert. Hier drängt sich freilich die Frage auf, ob nicht auch seine Aufmachung - fleckiger Militärrock und Dreispitz - ironisch gemeint war?

Auf jeden Fall machte der merkwürdige Kleidungsstil den Preußenkönig ebenso wenig zu einem Mann des Volkes wie das einfache Militärbett, in dem Franz Joseph in der Wiener Hofburg zu nächtigen pflegte, den Habsburger-Kaiser in einen schlichten Soldaten verwandelte. Solche Inszenierungen waren eher dazu angetan, den meilenweiten Abstand der Monarchen von der Alltagsrealität einfacher Leute zu unterstreichen. Es sind Maskeraden der Bescheidenheit.

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Das Deutsche Historische Museum in Berlin beleuchtet in einer opulenten Ausstellung mit dem Titel „Friedrich der Große. Verehrt. Verklärt. Verdammt“ das komplexe Bild des Preußenherrschers, der nicht nur ein geschickter Militär-, sondern auch ein sorgfältiger Imagestratege war. In der 13 Räume und Hunderte Objekte umfassenden Ausstellung anlässlich des 300. Geburtstages Friedrichs des Großen geht es um Bilder, die der Herrscher von sich selbst in Umlauf brachte, mehr noch aber um das vielfältige Nachwirken und die kreativen Abwandlungen des Friedrich-Bildes. Dieses wurde schließlich zu einem Passepartout für unterschiedlichste Projektionen. Sogar für Bierwerbung musste der König herhalten, dabei mochte er kein Bier.

Die Haushistoriker der Hohenzollern malten einen heldenmütigen König, im Vormärz wurde der Aspekt der Toleranz herausgestrichen, in der Kaiserzeit und im Nationalsozialismus war eher der militante Friedrich gefragt. Eine SchwarzWeiß-Fotografie zeigt Adolf Hitler im Großen Salon der alten Reichskanzlei in Berlin. Er unterzeichnet ein Schreiben. Im Hintergrund hängt ein ovales Friedrich-Porträt. Musischer Feingeist und zugleich beinharter Militärstratege: Das wollte auch der nationalsozialistische Führer sein.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann nannte die rund eine Million Euro teure Jubiläumsschau einen „ausgezeichneten Beitrag zur Objektivierung des Bildes eines herausragenden Preußenkönigs“. Aber die meisten Mythen sind schon vor dem Jubiläumsjahr 2012 dekonstruiert worden: in zahlreichen Publikationen, Tagungen oder 1981 in der erfolgreichen Ausstellung „Preußen. Versuch einer Bilanz“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Diese sahen rund 450000 Besucher. Sie war die Initialzündung für die Gründung des Deutschen Historischen Museums.

Im ersten Raum der aktuellen Friedrichs-Schau stößt man nicht auf Aufklärung, sondern findet sich unversehens in einer royalistischen Reliquienkammer wieder. Neben der Totenmaske des Monarchen liegt in einer Vitrine das Totenhemd mit originalen Blutspuren am linken Puffärmel ausgebreitet. Die Deutungen der Blutspritzer reichen von Aderlass über Nasenbluten bis zu blutigem Husten in der Todesstunde. Gestorben ist der Herrscher, wenig heroisch, auf einem bequemen Lehnstuhl. In der Rokokozeit sprach man vom „Eingehen ins Elysium“.

Ein paar Schritte weiter stößt man auf eine Wachsfigur. Bereits zu Lebzeiten war der König ins Wachsfigurenkabinett der Geschichte eingereiht worden, selbstverständlich mit blauem Militärrock und Dreispitz. Das kuriose Objekt ist eine Leihgabe des Braunschweiger Landesmuseums. Bis weit über seinen Tod hinaus galt der Mann im schlichten Rock nicht nur als aufgeklärter, gütiger und volksnaher, sondern auch als sparsamer Landesvater - und das, obwohl er die teuersten Repräsentationsbauten aller preußischen Herrscher errichtet hat.

Auf dem einzigen Bildnis, für das der König tatsächlich Modell gesessen hat, blickt uns ein früh gealterter Mann entgegen. Das Gemälde stammt vom hannoverschen Maler Johann Georg Ziesenis. Es entstand 1763/64 auf Bitte der Schwester des Herrschers. Man sieht Friedrich kurz nach dem Siebenjährigen Krieg. Er hatte wahrscheinlich gerade eine Kur in Bad Pyrmont hinter sich, wirkt aber dennoch regelrecht ausgelaugt. Glühenden Königsverehrern und -verklärern sei dieses sehr persönliche Gemälde „unangenehm“ gewesen, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Leonore Koschnick.

Friedrich selbst mochte am liebsten Bilder, die ihn fast etwas karikierend zeigten. Wenn Herrscherhäuser Gemälde von ihm anforderten, schickte er Bilder von Heinrich Franke. Dieser malte einen König mit betont basedowschen Augen, der mit dem Dreispitz grüßt, bevor er sich abwendet. Dieser Bildtyp zeugt von doppelter Distanz des Porträtierten: zu sich selbst und zum Betrachter.

So fern uns der Preußenherrscher heute in vieler Hinsicht sein mag, sein komplexes Image bleibt faszinierend.

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