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Kultur Ein Musikant am Mischpult
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14:18 09.01.2010
Von Rainer Wagner
Christian Muthspiel
Christian Muthspiel spielt Ernst. Quelle: Karin Blüher
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Er ist Posaunist, Pianist, Komponist und Dirigent – und malen tut er auch. Doch als Berufsbezeichnung wäre ihm am liebsten: Musikant. Das sind für Christian Muthspiel Musiker, deren Leben von Musik durchdrungen ist – auch abseits der großen Bühne.

Doch für den 48-jährigen Österreicher sind auch die großen Bühnen ein gewohntes Arbeitsfeld: An diesem Sonntag (und am Montag noch einmal) wird er im hannoverschen Opernhaus das Niedersächsische Staatsorchester dirigieren. Mit einem Programm, das die Neue und die Alte Welt programmatisch zusammenspannt: „New York – Paris retour“. Wobei ihm die Verbindungsstränge so wichtig sind wie die Teile, weshalb er nicht nur als Dirigent, als Solist und als Komponist auftritt, sondern auch als Moderator.

Noch ein bisschen mehr zeigt Muthspiel schon am Sonnabend, wenn er im Ballhof 1 die Soloperformance „für und mit ernst“ präsentiert: „Eine klingende Reise durch den Kosmos Jandl“. Die Stimme des vor zehn Jahren verstorbenen österreichischen Dichters Ernst Jandl kommt dabei vom Band, aber alles andere wird live produziert. Die Elektronik macht es möglich, dass Muthspiel singt, spricht und vor allem mehrstimmig musiziert. Versprochen wird ein „poetisches Theaterkonzert mit einem 1-Mann-Orchester“. Und erzählt wird „eine große Geschichte“, die mit Jandls „Im Anfang war das Wort“ beginnt und mit Jandls „ssso“ endet.

Muthspiel ist vor Jahren mit dem Dichter und dem Organisten Martin Haselböck aufgetreten. Der Mann weiß also, was er tut, wenn er mit Jandl spielt.

Von sich selbst sagt er, er habe „alle Studien rechtzeitig und freiwillig abgebrochen“. Gemeint ist damit, dass er sein klassisches Posaunenstudium in Graz nicht abgeschlossen hat, weil die dortige, hoch renommierte Jazzabteilung ihn in Richtung Big Band abbiegen ließ. Spätestens als er Albert Mangelsdorff hörte, war es um ihn geschehen: „Er ist mein Vater auf der Jazzposaune.“ Muthspiels Vorsatz damals: „Wo man so individuell sein kann, da möchte ich hin.“ Zu Hause war das dann allerdings eine Kulturrevolution: „Miles Davis gegen Mozart“, zumal auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Wolfgang von der Klassik zum Jazz umschwenkte.

Christian Muthspiel teilt seine Arbeit derzeit zu ziemlich gleichen Teilen auf das Dirigieren, das instrumentale Musizieren und das Komponieren auf. Würde er seine Werke jenseits der Jazzsphäre denn als Neue Musik bezeichnen? Nur, wenn die Betonung auf dem Wort Musik liege. Für den Komponisten Muthspiel ist die Dramaturgie besonders wichtig, die harmonische Spannung und Entspannung. Als Kollegen, die ihn sehr interessieren, nennt er Thomas Adès, Wolfgang Rihm und HK Gruber – die Bandbreite ist also groß. Und unter den lebenden Jazzmusikern ist ihm Wayne Shorter besonders wichtig.

Der Musikant Muthspiel, der im Wiener Burgtheater ebenso wie in Jazzklubs auftritt, zeigt sich in Hannover auch als Maschinist. Am Sonnabendabend, wenn er nicht nur auf seinen Instrumenten, sondern auch mit den elektronischen Loop-Maschinen spielt. Und am Sonntag und Montag, wenn er das Sinfoniekonzert mit einer eigenen Komposition beginnt. Das Stück heißt passend „Starting the Engine“.

Für den Jandl-Abend an diesem Sonnabend um 19.30 Uhr im Ballhof 1 gibt es noch Karten. Das Konzert am Sonntag ist ausverkauft, am Montagabend sind noch Plätze frei.