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Kultur „Ein Prophet“: Entwicklungsgeschichte über den Aufstieg im Knast
Nachrichten Kultur „Ein Prophet“: Entwicklungsgeschichte über den Aufstieg im Knast
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21:05 10.03.2010
Der Aufsteiger: Malik (Tahar Rahim) hat seine persönliche Zukunft fest im Blick.
Der Aufsteiger: Malik (Tahar Rahim) hat seine persönliche Zukunft fest im Blick. Quelle: Sony
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Als Malik (Tahar Rahim) ins Gefängnis kommt, ist er 19 Jahre alt, Analphabet und ganz unten in der sozialen Hierarchie. Er ist ein Niemand, ein Opfer, einer, den die anderen nur wahrnehmen, wenn sie ihm seine neuen Schuhe abnehmen wollen. Malik hat keine Wahl. Er lässt sich herumschubsen. Er schweigt und tut, wie ihm gesagt wird. Aber er beobachtet die anderen dabei gut. Er will von ihnen lernen.

Als der arabischstämmige Franzose nach sechs Jahren wieder raus kommt, hat er es geschafft – er hat Geld, ist anerkannt unter seinesgleichen, ja, mehr noch: Er wird gefürchtet von der nordafrikanischen Gang im Knast und auch von der korsischen Mafia. Malik hat das gemacht, was man gemeinhin Karriere nennt. Karriere kann man also auch im Knast machen. Und jetzt ist Malik ein Pate. Davon erzählt Jacques Audiard in seinem Thriller „Ein Prophet“.

Der Film hat ebenfalls eine beeindruckende Karriere hingelegt. Erst gewann er beim Festival in Cannes im Vorjahr den Großen Jury-Preis, dann der junge Darsteller Tahar Rahim den Europäischen Filmpreis, vor Kurzem räumte der Film in Frankreich gleich neun Césars ab, und bei der Oscar-Gala am Sonntag schaffte es das Werk immerhin bis in die Endrunde.

Verdient hat „Der Prophet“ diese Preise allemal, und man möchte trotz der zweieinhalb Stunden Spieldauer auch keine Minute missen. Gefängnisfilme gibt es zwar viele, aber dieser hier ist ein wenig anders. Was Audiards Werk auszeichnet, ist zum einen die präzise beschriebene ethnische Konfrontation hinter Gittern, zum anderen die Betonung des sozialen Aufstiegs der Hauptfigur. Malik lernt im Gefängnis Lesen und Schreiben. Er lernt, mit der Einsamkeit und dem korrupten Gefängnispersonal zurechtzukommen. Und er lernt, sich dem Kampf jeder gegen jeden zu stellen.

Audiard („Der wilde Schlag meines Herzens“) zeigt das alles mit viel Zynismus und brutaler Härte. Geschenkt wird Malik nichts, er muss schon etwas leisten. Der Knast als Leistungsgesellschaft.Malik begreift schnell, dass das Leben drinnen gar nicht so viel anders ist als das draußen – was später bei einem Freigang zu einer wunderbar komischen Szene führt: Beim Sicherheitscheck am Flughafen streckt Malik erst brav die Arme aus und dann die Zunge raus – so kennt er es, wenn er in den Knast zurückkehrt.

Im Gefängnis hat die korsische Mafia um César Luciano (Niels Arestrup) das Sagen. Aus seiner Zelle steuert Luciano Drogenhandel, Prostitution und Glücksspiel im großen Stil. Für ihn ist Malik anfangs ein menschliches Werkzeug, das er gut gebrauchen kann: Wenn Malik überleben wolle, so macht Luciano ihm deutlich, dann müsse er töten. Malik soll einen anderen Gefangenen aus dem Weg räumen, der Luciano als Belastungszeuge gefährlich werden könnte. Der unverdächtige Neuankömmling ist der Einzige, der dem potenziellen Opfer Reyeb (Hichem Yacoubi) nahe kommen kann.

Malik hat zwar durchaus ein Gewissen, aber er muss gehorchen. Er erschleicht sich das Vertrauen des anderen Arabers, dann schmuggelt er eine Rasierklinge unter der Zunge und schlitzt dem Mann bei nächster Gelegenheit die Kehle auf. Das Blut spritzt in einer roten Fontäne aus der Halsschlagader, der Schwerverletzte zappelt noch lange auf dem Boden, bevor er endlich stirbt. Für Zartbesaitete ist dieser Gefängnisthriller nichts.

Malik hat seine erste wichtige Prüfung bestanden. Von nun an steht er unter Lucianos Schutz. Die Korsen demütigen ihn zwar immer noch, klammheimlich jedoch beginnt Malik, sein eigenes Netzwerk aufbauen. Er ist ein Mann zwischen den Lagern, den Arabern hier und den Korsen dort. Malik beginnt, die beiden Gangs gegeneinander auszuspielen. Wenn er im zerknitterten, schlecht sitzenden Anzug zu Besorgungsgängen außerhalb der Anstaltsmauern aufbricht, verfolgt er längst schon eigene Aufstiegspläne.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Einschübe, die dem Film den Titel geben: Malik spricht mit dem Geist des Mannes, dem er die Kehle durchgeschnitten hat. Reyeb scheint auch gar nicht böse auf seinen Mörder zu sein. Durch diese Begegnungen wird Malik zum titelgebenden Propheten – er erkennt immer etwas schneller als die andern, worauf es ankommt.

Die übersinnlichen Einsprengsel vertragen sich nicht unbedingt mit der harten Realität in diesem Film: Selten hat man einen Mann gesehen, der so zielstrebig soziale Grenzen durchbricht und seinen Weg nach oben sucht. „Ein Prophet“ erzählt die Entwicklungsgeschichte eines jungen Mannes. Und wenn man es aus Maliks Perspektive betrachtet, dann ist dieses Erziehungsprojekt erfolgreich.

Stefan Stosch