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Kultur "Ein Stück Zeit" und "Walking Mad": Ein temporeicher Ballettabend
Nachrichten Kultur "Ein Stück Zeit" und "Walking Mad": Ein temporeicher Ballettabend
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08:00 12.06.2010
Mit Zeit-Gefühl: Catherine Franco, Rubén Cabaleiro Campo Quelle: Gert Weigelt
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In kaum einer anderen Sequenz der rund einstündigen aktuellen Choreografie von Jörg Mannes für das hannoversche Staatsopernballett wird das Thema so deutlich. „Ein Stück Zeit“, um das es hier geht, ist keine Arbeit, die sich mit plakativen Assoziationen auseinandersetzt. Gerade das macht die Aufführung reizvoll, gleichzeitig aber auch ein wenig rätselhaft. Hier tickt keine Uhr auf der Bühne, es sind keine Zahlen oder Zeiger zu sehen, und es geht auch nicht um Vergänglichkeit oder darum, dass Zeit Geld ist und kostbar und eigentlich immer zu kurz. Vielmehr steht das subjektive Zeitempfinden im Vordergrund. So tanzen die Akteure zeitlich versetzt oder zur selben Musik parallel in unterschiedlichem Tempo. Das Ensemble bewegt sich dabei in einem Kreis aus schmalen Schienen, auf denen eine mobile Scheinwerferwand im Uhrzeigersinn immer weiter vorrückt (Bühne: Lars Peter).

Zu jedem Bild gibt es eine andere Musik (unter anderem von Alberto Iglesias und Giovanni Sollima). Mal tanzt das gesamte Ensemble, dann wiederum wechseln Soli mit Duetten oder Dreierformationen. Das ist alles schön anzusehen (bis auf die gardinenähnlichen Hosen, die Kostümbildnerin Heidi de Raad manchen männlichen Tänzern verpasst hat), erschließt sich inhaltlich jedoch nicht immer ganz klar. So mutet die Szene, in der das Ensemble minutenlang Kinderhüpfer vollführt, etwas deplatziert an. Insgesamt ist „Ein Stück Zeit“ jedoch ein kurzweiliges Vergnügen. Mannes gelingt es einmal mehr, die Qualität und Ausdruckskraft seiner Tänzer herauszustellen. Die kommt auch im zweiten Teil des Abends zum Tragen, den der preisgekrönte Choreograf des Nederlands Dans Theaters, Johan Inger, bestreitet.

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Zum vierten Mal hat das Staatsopernballett das Stück eines Gastchoreografen einstudiert. Wieder ist das Ergebnis bravourös. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass sich die Tänzer bei fremden Produktionen auf einen völlig anderen Bewegungsstil einlassen müssen. „Walking Mad“ aus dem Jahr 2001 zählt zu den beliebtesten Tanzstücken der vergangenen Jahre. Es beginnt als heitere Beziehungskomödie und endet als traurige Liebesgeschichte. Auch hier spielt Zeit eine große Rolle. Die mit Ravels „Bolero“ musikalisch unterlegte Choreografie setzt auf perfektes Timing. Denn „Walking Mad“ ist größtenteils Slapstick. Hier laufen Männer Frauen hinterher und umgekehrt. Die Kerle sind auf Vibrationsalarm geschaltet und zucken, was das Zeug hält, wenn ein Mädchen zum Greifen nah ist. Eine mit Türen gespickte Bretterwand dient zum Versteck- und Verwechslungsspiel. Es geht buchstäblich drunter und drüber. Im herzzerreißenden finalen Duett glänzen Monica García Vicente und Loris Zambon.

Das Publikum nimmt sich Zeit, um sich für diesen beeindruckenden Tanzabend zu bedanken. Und das tut es mit minutenlangem Beifall.

Kerstin Hergt