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21:51 06.04.2012
Foto: Günter Grass ist nach der Veröffentlichung seines israelkritischen Gedichts national und international unter Druck geraten.
Günter Grass ist nach der Veröffentlichung seines israelkritischen Gedichts national und international unter Druck geraten. Quelle: dpa
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Hannover

Draußen vor der Tür drängen sich noch die Journalisten, drinnen aber greift Günter Grass mit der Linken zur Pfeife, begleitet mit der Rechten in weitausholenden Gesten seine Worte und erneuert und erweitert dabei seine Vorwürfe: Eine Debatte über sein Israel-kritisches Gedicht habe er durchaus „erwartet, ja erhofft“, sagt der Schriftsteller. „Aber was ich dann erlebe ist eine fast gleichgeschaltete Presse. Ich bekomme haufenweise E-Mails, die mir zustimmen, aber das dringt nicht an die Öffentlichkeit.“

Günter Grass spricht diese Worte in die Kamera der ARD, die den Autor hinter dem Zeitungsexemplar mit seinem Gedicht und vor der großen Bücherwand seines Hauses in Behlendorf bei Lübeck zeigt. Sein Gegenüber ist „Tagesthemen“-Anchorman Tom Buhrow, der dem Schriftsteller zur besten Sendezeit 23 Minuten lang Gelegenheit zur Stellungnahme bietet. Ist eine größere öffentliche Bühne denkbar? „Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt“, sagte Grass dem NDR. Und auch in 3Sat kommt er zu Wort. „Widerrufen werde ich auf keinen Fall“, sagt er dem TV-Magazin „Kulturzeit“. „Eine derart massive Verurteilung bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus ist von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen.“ Trotz dieser massiven Medienpräsenz beklagt Grass auch gegenüber Tom Buhrow erneut und wiederum im Gestus der Selbstanklage, zu lange „mit Rücksicht auf Israel“ einem „allgemeinen Schweigen Folge geleistet“ zu haben.

Geschwiegen werde über die Gefahr für den Weltfrieden, welche von der „Atommacht Israel“ ausgehe, die durch einen Angriff auf den Iran einen Krieg mit dem Risiko eines atomaren GAUs auszulösen drohe. Buhrows Einwand, erst vor zwei Wochen habe doch Verteidigungsminister Thomas de Maizière genau diese Warnung öffentlich gegenüber seinem israelischen Amtskollegen Ehud Barak ausgesprochen, lässt Grass unbeirrt: „Ich wünsche mir viele, die aus Freundschaft zu Israel das Schweigen brechen.“

Fünf Tage nach der Publikation seines Gedichts „Was gesagt werden muß“ steht nicht nur seine Kritik am angeblichen Schweigen weiter im Raum, Grass rechtfertigt auch seine Behauptung, Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad sein ein bloßer „Maulheld“, denn der Iran habe gar „nicht die Macht, um den Weltfrieden zu gefährden“. Und er legt mit Kritik an Israels Besatzungsregime in den Palästinensergebieten nach und erklärt, Israel missachte auch die nichtjüdischen Minderheiten im eigenen Lande.

Tatsächlich muss man sich um die Fähigkeit des Literaturnobelpreisträgers, für seine Weltsicht Öffentlichkeit herzustellen, weiterhin keine Sorgen machen. Die internationalen Reaktionen reichen von den USA über Jerusalem bis nach Teheran. Dort lobte die staatliche Nachrichtenagentur Irna das Grass-Poem als „Tabubruch in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes ohne Wenn und Aber unterstützt werden“. In den USA zeigte sich Abraham H. Foxman, Vorsitzender der Antidiffamierungsliga, schockiert über die „Verachtung, die Günter Grass in dem Gedicht gegen Israel freisetzt“, und der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel fragte: „Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?“ In Jerusalem sagte Premier Benjamin Netanjahu: „Die schändliche moralische Gleichstellung Israels mit dem Iran – einem Regime, das den Holocaust leugnet und mit der Vernichtung Israels droht – sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus.“ 60 Jahre lang habe Grass seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS verschwiegen. „Daher überrascht es nicht, dass er den einzigen jüdischen Staat auf der Welt als größte Bedrohung für den Weltfrieden ansieht und ihm sein Recht auf Selbstverteidigung abspricht“. Der israelische Historiker Tom Segev nahm Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz, sagte aber auch, der Schriftsteller sei in der Frage, mit der er sich in dem Gedicht beschäftige, ganz offenbar inkompetent. „Für mich ist es so, dass ich lieber Literatur von Günter Grass lese und Atomanalysen von einem früheren Mossad-Chef.“

Auch in Deutschland war weiter Kritik, aber auch Zuspruch zu vernehmen: Die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld zog Parallelen zwischen dem Grass-Gedicht und einer Rede, die Adolf Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ hielt. Wenn man diesen Ausdruck durch „Israel“ ersetze, sagte Klarsfeld, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler die gleiche antisemitische Musik hören“. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte, er verstehe, dass Grass sich verletzt fühle, wies jedoch dessen Medienschelte zurück. „Wenn Sie schreiben ,zwei und zwei ist fünf‘, dann sagen alle entsetzt: ,Wir glauben, das ist vier‘. Dann ist das keine Gleichschaltung, sondern eher eine Richtigstellung.“

Dagegen teilen manche Exiliraner die Sicht des Schriftstellers. „Sollte es zu einem Militärschlag auf den Iran kommen, hätten die demokratischen Kräfte in dem Land, die jungen Menschen, die 2009 auf die Straße gingen und die sich heute immer noch organisieren, keine Chance mehr“, sagt der in Berlin lebende Filmemacher Sahand Zamani. „Für mich ist das Gedicht keine Verteidigung des Iran, auch keine Schlappe für Israel, sondern eine relativ strukturierte Darstellung von dem, was zurzeit an Kriegspotenzial herrscht, in einer vom Wahn okkupierten Region.“ Der Theaterregisseur Ayat Najafi sagt: „Für mich hat das Gedicht einen Antikriegscharakter. Damit bin ich total einverstanden.“

Grass selbst hält dem Chor seiner internationalen und nationalen Kritiker auch die Riege seiner Unterstützer entgegen. Das seien nicht nur Leute wie PEN-Präsident Johano Strasser oder der Autor Peter Schneider – sondern überdies eben „ein ganzer Packen an E-Mails“, wie Grass nach dem ARD-Interview auch noch in der ZDF-Sendung „aspekte“ kundtat.

Das Bewusstsein solchen Rückhalts hatte ihn schon zuvor nicht davon abgehalten, sich zum Abschluss des Gesprächs mit Tom Buhrow „eine weniger gleichgeschaltete Presse“ zu wünschen. „Aber es gilt ja stets das Wort von Rosa Luxemburg, dass Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden ist“, versucht Buhrow versöhnlich zu enden. „Gewiss“, sagt Grass gnädig und greift zum Trinkbecher.

Daniel Alexander Schacht und Johanna Di Blasi

Was gesagt werden muß

von Günter Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
  was offensichtlich ist und in Planspielen
  geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
 wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
  der das von einem Maulhelden unterjochte
  und zum organisierten Jubel gelenkte
  iranische Volk auslöschen könnte,
  weil in dessen Machtbereich der Bau
 einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
  jenes andere Land beim Namen zu nennen,
  in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
  ein wachsend nukleares Potential verfügbar
  aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
 zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
  dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
  empfinde ich als belastende Lüge
  und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
  sobald er mißachtet wird;
 das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
  das von ureigenen Verbrechen,
  die ohne Vergleich sind,
  Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
  wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
  mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
  ein weiteres U-Boot nach Israel
  geliefert werden soll, dessen Spezialität
  darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
  dorthin lenken zu können, wo die Existenz
  einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
  doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
 sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
  Weil ich meinte, meine Herkunft,
  die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
  verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
  dem Land Israel, dem ich verbunden bin
 und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
  gealtert und mit letzter Tinte:
  Die Atommacht Israel gefährdet
  den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
  Weil gesagt werden muß,
  was schon morgen zu spät sein könnte;
  auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
  Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
  das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
  durch keine der üblichen Ausreden
 zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
  weil ich der Heuchelei des Westens
  überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
  es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
  den Verursacher der erkennbaren Gefahr
  zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
  gleichfalls darauf bestehen,
  daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
  des israelischen atomaren Potentials
  und der iranischen Atomanlagen
  durch eine internationale Instanz
 von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
  mehr noch, allen Menschen, die in dieser
  vom Wahn okkupierten Region
  dicht bei dicht verfeindet leben
 und letztlich auch uns zu helfen.

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