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Kultur Ein Vater unter Hochdruck
Nachrichten Kultur Ein Vater unter Hochdruck
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16:00 13.05.2015
Von Stefan Stosch
Anna (Maria Bonnevie) und Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) sind im Film "Zweite Chance" nicht immer so glücklich wie hier. Quelle: dpa
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Denn er hat eine Entscheidung getroffen, die ihm eine zweite Chance eröffnen sollte – die aber sein bisheriges Leben zerstört. Das Erstaunliche ist bloß: Man mag Andreas nicht einfach verdammen für seine Tat in jener tragischen Nacht, in der sein Baby starb.
Als Andreas erwachte, war sein Sohn Alexander tot, und seine offenbar psychisch labile Frau Anna (Maria Bonnevie) stand am Rande des Wahnsinns. Aber Andreas weiß, wo er ein anderes Baby finden kann. Er hat es bei einem seiner jüngsten Einsätze gesehen – ein Kind, das in seinem eigenen Kot und Urin hungrig strampelte und von seinen zugedröhnten Junkie-Eltern als schreiende Störung betrachtet wurde. Er konnte es damals nicht vor seinen Eltern retten, das sah das Gesetz nicht vor.
Aber ist das gerecht, dass das geliebte Kind des einen Paares stirbt und das vernachlässigte des anderen lebt? In seiner Verzweiflung tut Andreas das Unvorstellbare: Er tauscht die Kinder heimlich aus. Und zunächst scheint er damit davonzukommen.

Helden in moralischen Extremsituationen

Die dänische Regisseurin Susanne Bier liebt es, ihre Helden in moralische Extremsituationen zu schubsen und dann zu schauen, wie sie reagieren. Sie testet die Prinzipienfestigkeit der Menschen in Ausnahmesituationen – zum Beispiel in „Für immer und ewig“ (2002) oder „Brothers – Zwischen Brüdern“ (2004), erst recht in ihrem Oscar-Film „In einer besseren Welt“ von 2011, der sich um die Frage drehte, ob Rache doch erlaubt sein könnte.
„Zweite Chance“ fügt sich nahtlos in diese Filmografie ein. Anfangs mag man noch verstimmt sein über das Plakative: hier das lichtdurchflutete Haus von Andreas und Anna am Meer, das aus einem Schöner-Wohnen-Katalog stammen könnte, dort das versiffte Loch des Junkie-Paares, hier das private Glück, dort das geballte Elend.

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Aber langsam verschwimmen diese Gegensätze zwischen heiler und kaputter Welt. Die Wirklichkeit ist komplizierter, als sie scheint.
Ist zum Beispiel die Kindesliebe der Junkie-Mutter Sanne nicht sogar stärker als die von Anna? Sanne (mit Mut zur Hässlichkeit: das dänische Model May Andersen in seiner ersten Kinorolle) lässt sich auch unter Gewaltandrohung nicht einreden, dass ihr Sohn tot sein soll. Sie weint und wimmert und beharrt darauf: „Mein Sohn ist nicht tot.“
Mit ihrem Film „Zweite Chance“ kehrt Bier nach ihrem Hollywood-Ausflügen (zuletzt drehte sie „Serena“ mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper) zurück nach Dänemark. Sie scheint sich an alte Dogma-Prinzipien zu erinnern: Die Kamera von Michael Snyman saugt sich fest an Gesichtern, rückt Körperteile in den Fokus und macht das Bedrängende jederzeit spürbar – woran auch ihr Hauptdarsteller Anteil hat: Nikolaj Coster-Waldau ist mit mahlenden Backenknochen und gepeinigtem Blick ein Mann unter Hochdruck.

Wenn es um das eigene Kind geht, ist dieser Vater zu vielem fähig. Das gilt sogar dann, wenn es sich gar nicht um das eigene Kind handelt.

"Zweite Chance", Regie: Susanne Bier, 104 Minuten, FSK 12

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