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Kultur Ein Weltraumexperte bei den Herrenhäuser Gesprächen
Nachrichten Kultur Ein Weltraumexperte bei den Herrenhäuser Gesprächen
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07:28 05.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Eloquenter Zeitzeuge: Der Nasa-Pionier Jesco von Puttkamer in Hannover.
Eloquenter Zeitzeuge: Der Nasa-Pionier Jesco von Puttkamer in Hannover. Quelle: Marcus Reichmann
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Hannover

Jesco von Puttkamer, geboren 1933 in Leipzig, ist im Jahr 1962 zur Nasa gegangen. Er hat im Team von Wernher von Braun gearbeitet, und er hat einige der Flugbahnen für das Apollo-Programm mitberechnet, er war als Ingenieur und Planer an Weltraumstationen wie dem Skylab und der ISS beteiligt, und er kümmerte sich als Langzeitstratege der Nasa in den vergangenen Jahren um die Möglichkeiten eines Fluges zum Mars. Er ist ein großer Zeitzeuge der Geschichte der Weltraumforschung. Das ist auch Ulf Merbold. Er war der erste westdeutsche Astronaut. Dreimal war er auf verschiedenen Raumstationen zu Gast. Der Physiker hat viele Experimente unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit durchgeführt, und er war bei der europäischen Weltraumagentur Esa für die Astronautenausbildung zuständig.

Diese beiden wichtigen Zeitzeugen waren jetzt beim „Herrenhäuser Forum Zeitgeschehen“ in Hannover zu Gast, einer Veranstaltungsreihe der Volkswagenstiftung, die sich historischen Themen widmet. Befragt wurden die beiden Zeitzeugen von Florian Hildebrand, einem Wissenschaftsjournalisten vom Bayerischen Rundfunk.

Einen echten Astronauten und einen echten Nasa-Manager hat man in Hannover nicht alle Tage zu Gast. Und sehr eloquent sind die beiden auch - hervorragende Gesprächspartner also. Doch was machen die Veranstaltungsorganisatoren der Volkswagenstiftung? Sie lassen die beiden erst mal nicht zu Wort kommen.

Zuerst spricht (kurz und gut) Wilhelm Krull, der Generalsekretär der Stiftung. Dann trägt Günter Schaupp, Schauspieler vom Hamburger Thalia Theater, ein paar Passagen aus Hermann Julius Oberths 1923 erschienenem Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ vor. (Gibt es eigentlich am Schauspielhaus Hannover niemanden, der einen knapp 100 Jahre alten Text unfallfrei vorzulesen vermag?) Dann gibt der Historiker Bernd Stöver eine eher lexikalische Zusammenfassung der menschlichen Aktivitäten im Weltraum seit 1942, dann meldet der Kulturwissenschaftler Alexander C.T. Geppert Zweifel an der Stringenz der großen Erzählung von der Eroberung des Weltalls an und weist darauf hin, dass heute immer Transzendenz im Spiel ist, wenn wir vom Weltall reden. Und dann erlaubt sich der moderierende Journalist noch eine längere Hinführung zum Thema - bis endlich, endlich die Experten Merbold und von Puttkamer zu Wort kommen. Schade. Wenn man schon Stargäste im Programm hat, dann sollte man sie auch sprechen lassen. Leute wie von Puttkamer und Merbold jedenfalls lassen sich nicht in einer guten Stunde abfertigen. Dazu haben sie einfach zu viel erlebt und zu viel zu sagen.

Ulf Merbold fing schon mal sehr gut an - mit dem schönen Satz: „Die Tatsache, dass Sie hier sitzen, verdanken Sie Ihren Vorfahren, die vor 60000 Jahren aus Afrika ausgewandert sind.“ Und Jesco von Puttkamer wies darauf hin, dass große Weltraumprojekte wie Errichtung und Betrieb einer Weltraumstation und auch ein Flug zum Mars von einer Nation allein kaum zu bewältigen seien. Gerade auch beim Betrieb der ISS habe man gute Erfahrungen mit der internationalen Zusammenarbeit gemacht. Und als er dann die Frage stellte „Wenn wir das da oben können, warum sollten wir das nicht auch hier unten schaffen?“, quittierte das Publikum im vollbesetzten Kleinen Sendesaal des NDR den Satz prompt mit Applaus.

Von Puttkamer beschrieb einen Wandel in der Forschungsausrichtung der Nasa. Während man beim Mondprojekt alle Anstrengung auf ein Ziel hin ausrichtete, habe man es heute mit einem „Sammelsurium von Zielen“ zu tun.

Einig waren sich von Puttkamer und Merbold in ihrer Kritik an der zögerlichen Haltung Europas beim Engagement für die bemannte Raumfahrt. „Die anderen Nationen lassen Amerika gern allein vorangehen“ sagte von Puttkamer.

Und auch in der Frage, was die nächste große Herausforderung für die Weltraumforschung sei, herrschte Einigkeit: die Reise zum Mars.

„Marco Polo, Kolumbus und Livingstone sind dahin gegangen, wo vorher keiner war, und mit neuen Erkenntnissen zurückgekommen“, sagte Ulf Merbold, der auch das Schlusswort hatte: „Wir müssen mit unseren Schiffen das fortsetzen, was die Altvordern begonnen haben.“

Beim nächsten Herrenhäuser Forum geht es am 11. Oktober, 19 Uhr, beim NDR Hannover um das Thema „Geo-Engineering: Wem gehört das Wetter?“. Anmeldung: forum@volkswagenstiftung.de.