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10:31 26.10.2011
Von Stefan Stosch
„Näher werden Sie mir nicht kommen“: Charlotte Rampling lässt in ihrer Filmbiografie ein bisschen hinter die Fassade ihres unnahbaren Images blicken. Quelle: Piffl Medien
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Aber so cool ist diese Ikone des Autorenkinos offensichtlich doch nicht. Kaum hat Charlotte Rampling zum Interview Platz genommen, ist sie es, die die Auf­lockerung des Gesprächs vorantreibt. Die Britin witzelt über das Mikrofon auf dem Tisch vor ihr, lacht ein bisschen zu laut auch über mittelmäßige Witze. Sie ist also gar nicht so unnahbar und auch keinesfalls herablassend, wenn sie erst einmal von der Leinwand herabgestiegen ist und man in ihre eisgrauen, wachen Augen blickt.

Oder spielt sie etwa auch in diesem Moment? Spielt sie jetzt die echte Rampling? Schließlich spricht sie über ihren Film „The Look“, eine Art filmische ­Biografie in neun Kapiteln. „In diesem Film sehen Sie mich so, wie ich bin“, sagt die 65-Jährige.

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„Näher werden Sie mir nicht kommen.“ Okay, aber wie nahe ist das?

Auch in der Dokumentation „The Look“, inszeniert von der deutschen Regisseurin Angelina Maccarone, bestimmt weitgehend Rampling das Geschehen. Ob sie über Liebe, Tod und Alter oder über Tabus spricht, ob sie die Fotografen Peter Lindbergh oder Juergen Teller, den Autor Paul Auster oder ihren Sohn Barnaby trifft: Stets scheint sie die Kontrolle zu behalten – sogar dann, wenn sie über den Kontrollverlust spricht, dem sie sich vor der Kamera aussetzt.

Vielleicht liegt genau darin ein Geheimnis der Schauspielerin, die als Fotomodell ihre Karriere begann und bis heute in ihren Filmen Sinnlichkeit versprüht: Sie weiß, dass sie im Kino „Projektionsfläche für vielerlei Begehren“ ist, wie sie in der Dokumentation sagt – aber sie hat sich doch immer die Unabhängigkeit bewahrt, die Zuschauer auch einmal vor den Kopf zu stoßen.

Schon in dem italienischen Skandalfilm „Der Nachtportier“ (Regie: Liliana Cavani) war das so. 1974 spielte sie eine KZ-Überlebende, die sich mit ihrem einstigen Peiniger auf ein sadomasochistisches Verhältnis einlässt. Der Film wurde in Italien verboten, es gab einen Aufschrei in der Kinoszene. Das Skandalwerk ließ Charlotte Rampling zur international begehrten Darstellerin werden.

Sie hätte nach Hollywood abwandern können, und tatsächlich spielte sie bald mit Robert Mitchum im Philip-Marlowe-Krimi „Fahr zur Hölle, Liebling!“ (1975), mit Woody Allen in der Tragikomödie „Stardust Memories“ (1980) oder mit Paul Newman in dem Gerichtsdrama „The Verdict“ (1982). „Ich wusste aber schon bei meinem ersten Trip nach Hollywood, da war ich 30, dass ich mich nicht von der Starindustrie vereinnahmen lassen will“, sagt Rampling. Und dann: „Ich fühle mich bis heute als ein freies Elektron und möchte gar nicht Teil eines Systems sein.“

Bedauert habe sie es in ihrer langen Karriere nie, sich für den einen Film und gegen einen anderen entschieden zu haben. „Man tat das eine, weil man das andere nicht tun konnte“, sagt sie knapp. Nur eines war immer klar: Kino als reines Unterhaltungsprodukt interessierte sie nicht.

Nach ihren Hollywoodausflügen kehrte Rampling immer wieder zurück nach Europa. Heute lebt sie mal in Paris und mal in London. Sie singt „Comme une femme“ (so der Titel ihres Albums von 2002), sie spielt Theater auf verschiedenen Bühnen – und sie lässt sich auf spannende Kinoprojekte ein.

Mit dem Franzosen François Ozon etwa arbeitete sie bei dem Drama „Unter dem Sand“, dem Verwirrspiel „Swimming Pool“ und der Literaturverfilmung „Angel – Ein Leben wie im Traum“ (2007) zusammen.

Hat sie, die erfahrene Schauspielerin, einen Tipp für eine talentierte Anfängerin parat, die heute ins Kinogeschäft will? Rampling macht eine Pause, dann antwortet sie: „Ich würde jedem raten, bloß nicht aufs Stardasein erpicht zu sein – so wie einem das Fernsehen dies heute in den zahllosen Castingshows vorgaukelt. Im Schauspielerberuf kommt es auf die Arbeit an, auf die künstlerische Investition.“ Es komme drauf an, immer wieder etwas Neues zu wagen: „Wir könnten auch den lieben langen Tag am Strand liegen, aber das wäre langweilig.“ Da lacht sie wieder ziemlich laut.

Ist ihr das Kino noch so wichtig wie vor zwei, drei Jahrzehnten? Da zögert Rampling keinen Augenblick. „Ja, man liest ein Drehbuch, und plötzlich packt es einen. Das ist der Moment, in dem ich mich entscheide.“ Und diese Antwort klingt tatsächlich so begeistert, als hätte Charlotte Rampling ausnahmsweise mal jede schützende Distanz außer Acht gelassen.

Charlotte Rampling – The Look“ startet am Mittwoch im hannoverschen Kino im Künstlerhaus.