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Kultur Ein großer Schlagabtausch in „Der Gott des Gemetzels“
Nachrichten Kultur Ein großer Schlagabtausch in „Der Gott des Gemetzels“
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08:09 25.11.2011
Von Stefan Stosch
Eine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs: Kate Winslet kniet vor dem Inhalt ihrer Handtasche.
Eine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs: Kate Winslet kniet vor dem Inhalt ihrer Handtasche. Quelle: Constantin
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Von jetzt an sind die Erwachsenen dran. Die Eltern des prügelnden Jungen besuchen die Eltern des geprügelten Jungen. Ziel: Aussprache mit pädagogischem Mehrwert für den Nachwuchs. Das geht gründlich schief. Bald schon prügeln auch die Erziehungsberechtigten aufeinander ein, wenn auch vornehmlich mit Worten und in wechselnden Koalitionen.

Yasmina Rezas Stück „Der Gott des Gemetzels“ hatte 2006 Premiere und ist auf den Theaterbühnen gefeiert worden. Jetzt ist es im Kino angekommen – und zwar in einer quasibühnentauglichen Version: Es spielt an einem Nachmittag und in einem Raum, sozusagen in Echtzeit. Wieso bringt jemand dieses Kammerspiel, das im Theater so gut funktioniert, auf die Leinwand?

Weil vier hochdekorierte Schauspieler – Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly – sich lustvoll einen Schlagabtausch liefern. Und weil der Regisseur Roman Polanski („Rosemaries Baby“, „Chinatown“, „Der Pianist“) heißt, der schon immer gern Menschen in klaustrophobische Nöte gebracht hat, etwa Catherine Deneuve in „Ekel“ (1965), Mia Farrow in „Rosemaries Baby“ (1968) oder zuletzt Ewan McGregor im „Ghostwriter“.

Zudem bietet die Einheit von Zeit und Ort einen nicht zu unterschätzenden Vorteil für den Regisseur selbst: Er muss nicht reisen. Denn damit hat Polanski Probleme, jedenfalls dann, wenn er seine Wahlheimat Frankreich verlässt.
Die US-Justiz setzt alles daran, ihn für ein Sexualdelikt an einer 13-Jährigen in den siebziger Jahren zu belangen. Knapp zehn Monate saß er bis Juli 2010 in der Schweiz in Auslieferungshaft. Seinen „Ghostwriter“ brachte er mit einer elektronischen Fußfessel im Hausarrest in seinem Schweizer Chalet zu Ende. „Der Gott des Gemetzels“ ist der erste Film des 78-Jährigen nach dem Zwangsaufenthalt in den Schweizer Bergen.

So spielt die Gesellschaftssatire zwar in New York, gedreht hat Polanski aber in Paris. Bei den wenigen Außenaufnahmen in der US-Metropole blieb er wohlweislich zu Hause und schickte lediglich ein zweites Regieteam nach Übersee. Sowieso könnte sich der große Schlagabtausch genauso in einem großzügigen Appartement hinterm Eiffelturm abspielen. Auch in Frankreich dürfte es überbesorgte Eltern geben, die nur sehr begrenzt Vorbildcharakter für ihre Kinder abgeben.

Wenn Polanski doch auf New York beharrt, könnte man darin Boshaftigkeit seinerseits vermuten: So sind sie eben, die Amerikaner, halten Grundsatzreden über Recht und Gesetz, aber im Zweifelsfall zerreißt der zivilisatorische Schleier schnell. Dann gehen sie verbal zum Angriff über wie einst John Wayne mit dem Gewehr (der hier mehrfach als Leitfigur erwähnt wird).

Doch geht es Polanski wohl eher um die menschliche Natur als solche. Wenn der nervenschwache Gast die teuren Coffee-Table-Kunstbände vollkotzt (Kate Winslet als Börsenmaklerin) und die Gastgeberin (Jodie Foster als Menschenrechtsaktivistin) ausrastet, wenn der Hausherr (John C. Reilly als Toiletten-Vertreter) am helllichten Nachmittag zur Scotchflasche und sein Besucher (Christoph Waltz als Jurist) nach jeder weiteren Beleidigung zum Handy greift – dann ist die Eskalation bald schon unausweichlich.

Der Witz dieses Stücks besteht ja gerade darin, dass vier gut situierte Mittelschichtler die Kontrolle über sich selbst verlieren. Die politisch Korrekte entpuppt sich als beleidigende Hysterikerin (Foster), der Typ Teddybär enthüllt sein Aggressionspotenzial (Reilly), der Selbstkritische lässt den Zyniker raus (Waltz), und die Gepflegt-Sanfte wird regelrecht ordinär (Winslet). Nebenbei bekommt man noch mit, wie Waltz als Winkeladvokat im Auftrag eines Pharmakonzerns telefonisch genüsslich die Schadensersatzansprüche von geschädigten Patienten abbügelt. Waltz scheint diese Rolle diebische Freude zu bereiten, besonders die Szene, in der seine Frau sein Handy in der Blumenvase entsorgt, und er stöhnt: „Da steckt mein ganzes Leben drin.“

Mehrfach wünscht man sich, das Besucherpaar möge endlich den Weg zum Fahrstuhl finden, um Schlimmeres zu verhüten. Aber der Regisseur, der zusammen mit der Theaterautorin Reza das Drehbuch verfertigte, ist erbarmungslos. Und das muss er ja auch sein.

Zweifellos bietet „Der Gott des Gemetzels“ auch im Kino Erkenntnispotenzial. Selten bekommt man auf so unterhaltsame Art Einblicke in die Elternpsyche, selten sieht man Kinostars so sehr auf sich selbst konzentriert (was auch ein bisschen an Edward Albees Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton erinnert). Und doch würde das Ganze genauso auf der Bühne funktionieren. Gelegentlich dringt in der Verfilmung sogar ein theatralischer Unterton durch, der bei Gesichtern in Großaufnahme auf der Leinwand ein wenig befremdlich wirkt.

Am Ende ruht der Kamerablick noch einmal auf dem Spielplatz an der Brooklyn Bridge in New York. Dort ist Frieden eingekehrt. Doch ist wenig wahrscheinlich, dass das auch so bleibt. Irgendwann werden die Kinder ja erwachsen.

Amüsante Gesellschaftssatire in Starbesetzung.
Hochhaus, Cinemaxx Nikolaistraße.

24.11.2011
24.11.2011
Stefan Stosch 24.11.2011