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08:36 22.08.2012
Von Heinrich Thies
 Der Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen, mit seinem Kommissar Carl Morck und dessen merkwürdigem Assistenten Assad stürmte er die Bestsellerlisten. Quelle: Oliver Berg
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Hannover

Krimis sind moderne Märchen. Bisweilen aber haben sie auch einen wahren Kern. Jussi Adler-Olsen zum Beispiel hat in seinem neuen Buch nicht nur seine Phantasie spielen lassen, sondern auch ein bisschen recherchiert. Der dänische Bestsellerautor lenkt in seinem vierten Band um den Sonderermittler Carl Mørck, der morgen erscheint, den Blick auf ein düsteres Kapitel seines Landes.

Von 1923 bis 1961 nämlich wurden auf der dänischen Insel Sprogø Frauen untergebracht, die als „moralisch verkommen“ galten. Ähnlich wie deutsche Heimzöglinge wurden die Frauen gedemütigt, misshandelt und gefangen gehalten wie Verbrecherinnen - ohne Urteil und auf unbestimmte Zeit. Manche lebten bis zu ihrem Tod auf der Insel, andere ließen sich zwangssterilisieren, um freizukommen. Sprogø war Teil der Keller’schen Anstalten, wo sogenannte geistig Behinderte und Geisteskranke weggesperrt wurden. Dabei soll es zu 8000 Zwangssterilisationen gekommen sein.

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„Ein unmenschliches Verbrechen“, kommentierte Adler-Olsen in einem Interview: „der wahre Horror.“ In seinem neuen Krimi „Verachtung“ überlebt eine der Frauen diesen Horror, heiratet einen reichen Pharmaunternehmer und arbeitet sich in die Oberschicht vor, bis sie bei einem Dinner mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Nete Rosen trifft auf den Gynäkologen Curt Wad, der sie einst vergewaltigte, ihre Zwangssterilisation betrieb und sie nun noch einmal in aller Öffentlichkeit demütigt. Ihr Mann will sich daraufhin von ihr trennen, und Nete gerät derart aus dem Gleichgewicht, dass sie bei der Heimfahrt einen Autounfall verursacht. Dabei kommt ihr Mann ums Leben. Als sie von ihren Verletzungen genesen ist, beschließt sie, an ihren Peinigern Rache zu nehmen - und einen nach dem anderen mit Bilsenkraut zu vergiften.

All dies ereignet sich im Jahre 1987. 23 Jahre später stößt das Sonderdezernat Q in Kopenhagen auf die Akte einer Frau, die 1987 als vermisst gemeldet wurde. Bei den folgenden Ermittlungen stoßen Carl Mørck und seine beiden Mitarbeiter Assad und Rose, die in einem Polizeikeller unerledigte Fälle aufarbeiten, auf weitere fünf Vermisste, die in jener Zeit spurlos verschwanden.

Gleichzeitig erfährt der Leser, dass der Gynäkologe Curt Wad nach wie vor sein Unwesen treibt und mittlerweile als graue Eminenz einer rechtsradikalen Partei zum Schutz des Erbguts die Parlamente erobert. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Sonderermittler Mørck den greisen Rassearzt entlarvt. Aber diese Zeit weiß Autor Adler-Olsen durchaus spannend und actionreich zu gestalten. Streckenweise auch sehr amüsant. Denn wie in den früheren Bänden hat der Däne seine Ermittler als ziemlich skurrile Typen angelegt: Assistentin Rose nimmt gelegentlich die Identität ihrer Zwillingsschwester an, der aus Syrien stammende Hilfspolizist Assad nutzt unkonventionell seine Geheimdiensterfahrungen, und Chefermittler Mørck schleppt einen alten ungeklärten Mordfall mit einem getöteten und einem gelähmten Kollegen mit sich herum.

Auch privat bewegt Carl Mørck, der oft ziemlich rüde Mann, sich auf glattem Parkett. Zum einen steht der Ermittler zwischen seiner Exfrau und seiner Geliebten, zum andern ärgert er sich mit seinem Sohn und eigenwilligen Hausgenossen herum.

Das ist nicht immer nur lustig, sondern manchmal auch ein bisschen viel des Bizarren. Der Leser hat es mit drei Kriminalfällen, 30 bis 40 lebenden Personen und nahezu einem Dutzend Toten zu tun. Da ist es kaum zu vermeiden, dass manches oberflächlich und unausgereift bleibt, Motive nicht wirklich schlüssig sind und Erzählfäden sich im Nichts verlieren. Obwohl Jussi Adler-Olsen bemüht ist, seinen Hauptbösewicht Curd Wad auch als liebenden Ehemann darzustellen, bleibt der rechtsradikale Arzt ein fanatischer Bösewicht mit geradezu teuflischen Zügen. Eine Märchenfigur eben.

Ganz anders ist es bei Nete Rosen, die zur Mörderin aus verlorener Ehre wird. Bei dieser Figur gelingt es Adler-Olsen durch eine geschickte Verzahnung von Tatausführung und Vorgeschichte eine wirkliche Nähe herzustellen. Es hätte dem 540-Seiten-Werk nicht geschadet, sich noch stärker auf diese Hauptgeschichte zu konzentrieren, die krimiübergreifende Themen wie Ausgrenzung und Missbrauch behandelt.

Es lohnt sich auf jeden Fall, dieses Buch bis zum Ende zu lesen. Das surreale Finale von „Verachtung“ hält nicht nur viele Leichen, sondern auch einen fulminanten Überraschungseffekt bereit. Alles klar ist damit aber noch lange nicht. Wer wissen will, was es mit Assad und seinem beschuldigten Chef auf sich hat, muss den nächsten Band der Reihe abwarten.

Jussi Adler-Olsen: „Verachtung“. dtv. Aus dem Dänischen von Hannes Thiess. 540 Seiten, 19,90 Euro.

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