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Kultur „Ein sehr spannender Kontinent“
Nachrichten Kultur „Ein sehr spannender Kontinent“
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00:15 27.10.2013
Von Nora Lysk
"Stein vom Herzen“ - das neue Album von Heinz Rudolf Kunze. Quelle: Martin Huch Photography
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Hannover

Auf dem Cover Ihres neuen Albums sitzen Sie in der Badewanne, neben Ihnen eine Nana-Statue von Niki de Saint Phalle - ein Wahrzeichen Ihrer Heimatstadt Hannover. Wie wichtig ist Ihnen Heimat?

Ich wollte mich damit auf jeden Fall verorten. Ich bin ja eigentlich gar kein richtiger Hannoveraner. Ich bin 1988 dahingezogen, nach langer Zeit in Osnabrück und vielen Umzügen. Es ist schwer für mich zu sagen, wo ich eigentlich herkomme. Nach einer Geburt im Flüchtlingslager bei Minden ist es nicht ganz klar, wo man mich hintun soll. Ich sage immer, ich sei ein reinrassiger Brandenburger, den es nach Westen verschlagen hat.

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Und wie politisch sind Sie? Das erste Lied auf dem neuen Album heißt „Europas Sohn“ und klingt sehr kritisch.

Der Text ist bestimmt schon ein Jahr alt. So ein Album hat ja immer auch ein Vorleben, bis man dann zu den Aufnahmen schreitet. Und auch das Problem der Skepsis gegenüber Europa besteht schon länger. Ich fand, es war an der Zeit, dass mal einer singt, was Europa für ein erstaunlicher Brutherd von Gedanken ist und was seit der Aufklärung in Europa für Theorien entstanden sind, die den Rest der Welt dann schwerstens beschäftigt haben. Ein sehr spannender Kontinent, der es Wert ist, zusammenzuwachsen. Das sollte man durch irgendwelche Finanzkrisen nicht einfach über Bord werfen, sondern an diesem Gedanken festhalten.

Würden Sie sich als politischen Liedermacher bezeichnen?

Ist Bob Dylan ein Liedermacher? Dann bin ich es auch! Ich glaube nicht, dass jeder Mensch, der ab und zu eine Akustikgitarre benutzt, automatisch Liedermacher wird. Der Begriff hat in Deutschland eine ganz bestimmte Konnotation. Damit verbindet sich eine bestimmte Art des Liedermachens und eine ganz eigene Generation von Sängern und Sängerinnen, die zum Teil stark von französischen Chansons beeinflusst waren. Oder wie Konstantin Wecker von der Oper. Das ist nicht meine Prägung. Ich habe mit französischem Chanson gar nichts am Hut, und mit Oper kenne ich mich noch weniger aus. Ich bin anglo-amerikanisch geprägt, und insofern beschreibt dieses Wort nicht ganz das, was ich mache.

Mit dem Begriff Liedermacher verbindet man auch den des Protestsongs. So könnte man einige Ihrer Songs aber schon bezeichnen.

Dylan hat dazu einmal sehr schön gesagt, alle seine Lieder seien Protestlieder. Auch die Liebeslieder. Denn die protestieren gegen zu wenig Liebe in der Welt. Mir war es dieses Mal wichtig, auch Themen zu bearbeiten, die mich auch musikalisch reizen. Das hätte ich zwar auch bei den letzten beiden Alben machen können. Doch es ergab sich einfach nicht, weil mir eben keine Musik dazu einfiel.

Werden heutzutage zu wenig Protestsongs geschrieben?

Ich glaube, das ist ein Phänomen unserer Zeit. Die Menschen leben immer vereinzelter, immer atomisierter. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen, und es gibt kaum noch so etwas wie die Friedensbewegung der achtziger Jahre. Aber wir werden sehen, was die jungen deutschen Musiker machen werden, wenn sie etwas älter sind. Wer noch jung ist, hat möglicherweise auch einfach zu wenig erlebt, um sich politisch auszudrücken.

Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen? Sie schreiben wahnsinnig viel und versuchen am Ende mit einem riesigen Sammelsurium von Texten, die entsprechende Musik dazu zu finden?

Genau so ist das. Man guckt sich das an und wartet darauf, welcher Text einen anspringt und Töne haben will. Das ist reine Intuition. Man muss darauf hoffen, dass eine Stimmung entsteht, die ein Album rund macht. Ich glaube, das ist dieses Mal gelungen.

Und was passiert mit den Texten, denen die Töne fehlen?

Einige kommen in die Bücher oder werden auf die Bühne gebracht. Aber ich mag über das Schicksal von Songtexten, die ich nicht vertone, eigentlich auch gar nicht nachdenken. Denn das sind Tausende. Und ich übertreibe nicht. Das ist dann was fürs Literaturarchiv in Marbach, wenn ich einmal tot bin.

Würden Sie sich eigentlich als parteipolitisch bezeichnen?

Nein, ich bin nirgendwo Mitglied.

Man muss ja gar nicht Mitglied sein, um einer Partei nahezustehen. Vor einigen Wochen standen Sie in Hannover mit Dieter Dehm auf der Bühne und haben Lieder gegen Bankenmacht gesungen.

Ich kann nichts dagegen tun, dass so etwas politisch bewertet wird. Denn eigentlich war das nur ein Gefallen für Dieter Dehm, den ich seit mehr als 30 Jahren kenne und der mich darum gebeten hat. Wäre ich mit gar nichts einverstanden, was die Linke sagt, wäre ich natürlich auch nicht gekommen.

Es stört Sie nicht, dass die Öffentlichkeit so etwas als parteipolitische Veranstaltung der Linken wahrnimmt?

Doch, das stört mich schon, wenn das so wiedergegeben wird. Denn das Konzert hatte eine persönliche Ebene. Dennoch sagt Dieter manche Sachen, für die ich durchaus Sympathie habe. Und für die übrigens auch mein langjähriger Freund Christian Wulff Sympathie hat.

Sind Sie eigentlich auch ein Freundschaftsstifter?

Das gelingt mir oft. Aber Dieter Dehm und Christian Wulff zusammenzubringen, war durchaus charmant. Die sind ja sehr unterschiedlich in ihren Auffassungen. Aber sie verstehen sich gut und reden miteinander. Ich finde, so etwas muss möglich sein, auch über Parteigrenzen hinweg. Da denkt man in Deutschland zu fraktioniert.

Und wenn Menschen Sie in die Schublade Schlagersänger stecken? Ist das eine Beleidigung?

Das trifft einfach nicht zu. Mein größter Erfolg war ein Deutschrocktitel (Anm.: „Dein ist mein ganzes Herz“). Dass mittlerweile alle Leute diese eine Zeile mitsingen können, das können sie bei „Waterloo Sunset“ von den Kinks auch. Ich mache deutschsprachige Rockmusik. Manchmal leiser, manchmal lauter.

Interview: Nora Lysk

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