Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Eine Band, die Nostalgie covert
Nachrichten Kultur Eine Band, die Nostalgie covert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:15 14.08.2012
Von Uwe Janssen
Sportschuhe sind eine Frage der Definition, nicht der Hackenhöhe: Justin Hawkins und seine Kollegen von The Darkness. Quelle: Pias
Anzeige
Hannover

Konferenzraum, die Köpfe rauchen, finstere Blicke, die Lage ist ernst. Am Flipchart türmen sich Zahlen und Fakten, aber die Erfolgsformel ist nicht dabei. Dann hat ein Kollege eine Idee. Ein Bär betritt den Raum und strippt auf dem Tisch. Noch ernstere Mienen. Dann aber tritt der Bär an die Tafel und malt die Erfolgsformel auf. Jubel im Konferenzraum, Korken knallen, der Stripbär ist der Held. Man kehrt in einen Klub ein. Dort spielt The Darkness. Warum es in dem neuen Video der britischen Band schließlich zur Schießerei kommt, warum drei Bandmitglieder sterben, warum der Sänger der Band es mit dem zotteligen Helden treibt und ihn in eine schöne Frau verwandelt, bleibt wohl das Geheimnis von The Darkness. Ansonsten hat die Band nicht viele.

Denn das Quartett zeigt gern her, was es hat. Idole zum Beispiel. Queen? Led Zeppelin? Van Halen? Aerosmith? T-Rex? Kiss? Genau! Plus alle anderen Poser-Metalbands, deren Mitglieder sich trauen, auch im gesetzteren Alter hautenge Einteiler mit einem Ausschnitt bis zur Schamgrenze zu tragen. Darkness-Sänger Justin Hawkins singt gern im Falsett. Dazu spielen er und sein Bruder Dan Riffs, die man alle schon mal gehört zu haben glaubt, entweder bei AC/DC oder sonst wem. Es ist, als ob sich die Gitarristenbrüder das Video „Die 100 bekanntesten Gitarrenriffs in zehn Minuten“ angeschaut und dann die Nummern 101 bis 112 ergänzt hätten. Klau, schau wem.

Anzeige

Die Inspirationsquellen sind nicht verärgert, sondern entzückt. Queen-Gitarrist Brian May ist Fan der Band, in London hat er als Überraschungsgast einen Queen-Song mit der Band gespielt. Einen echten. Das passt. Wenn die Geschichte stimmt, soll Justin Hawkins den Job als Sänger bekommen haben, weil sein Bruder ihn gedankenverloren und in höchsten Tönen „Bohemian Rhapsody“ singen hörte.

Doch Kopisten sind die vier extravaganten Briten nicht. Sondern Huldiger. Leidenschaftliche Huldiger. Eine Coverband? Ja, aber eine, die Nostalgie covert. Der Rest spielt sich im Kopf des Publikums ab. Wenn man die Herrschaften auf der Bühne sieht, breitbeinig, schwitzend, jedem Klischee gegenüber aufgeschlossen, denkt man: Ja, vielleicht war der Rock’n’Roll genau so gemeint und die Bodengucker aus der Indie-Fraktion sind lediglich eine intellektuelle Verirrung mit Gitarre. Wozu braucht man Lieder namens „Im Zweifel für den Zweifel“ (Tocotronic), wenn man „Everybody Have a Good Time“ haben kann? Der Rock will nicht zweifeln, sondern tanzen. Stimmt so nicht ganz, aber wenn man „Everybody Have a Good Time“ durchzieht wie The Darkness, ist Rock’n’Roll plötzlich ganz einfach. Es ist übrigens der Song zum Stripbär.

Und obwohl Justin Hawkins seine großflächigen Körpergemälde schon mal unter einer US-Flaggen-Jeansjacke verbirgt - das Ganze ist durch und durch britisch. Wer bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele gesehen hat, wie liebevoll, stolz und würdig die Briten mit ihrem musikalischen Erbe umgehen, wie die Zuschauer die Spice Girls, Fatboy Slim und Annie Lennox ähnlich den Goldmedaillengewinnern feierten, ahnt, dass zwischen Originell und Fälschung Welten liegen. Voraussetzung: Humor.

Damit können Hawkins und seine Mitstreiter dienen. Das neue Album „Hot Cakes“ ist ein musikalisches Dauergrinsen. Und wem auf der Bühne keine Provokation zu heikel ist, der muss auch auf Unmut gefasst sein. Hawkins kann dem durchaus positive Seiten abgewinnen: „Wir haben oft vor gnadenlosem Publikum gespielt. Uns flog schon alles um die Ohren. Uns schockiert nichts mehr.“

Dabei war die 1999 gegründete Band eigentlich schon aufgelöst. 2005 war sie bei den Brit-Awards mit Preisen nur so überhäuft worden und galt als das ganz große Ding. Dann kamen - auch das authentisch - Drogen und Suff, es gab Zankereien, es kam zum Split.

Nun geht es weiter. Nahtlos, und das nicht nur bei der Garderobe des Sängers. Der Zweistufenplan für das Comeback kann sich hören und sehen lassen. „Hot Cakes“, das neue Album, ist ein Rockalbum alter Schule, das folgenden Regeln folgt: Jeder ordentliche Song hat ein ordentliches Einstiegsriff. Ein Gitarrensolo ist etwas grundsätzlich Gutes. Liedtexte werden überschätzt und sollten auf dem Weg vom Ohr in Herz oder Beine nicht den Umweg über den Kopf nehmen müssen. Wer das mag, schiebt „Hot Cakes“ in den Player und hat eine Stunde lang diebischen Spaß.

Um sich auch als Liveband wieder ins Gespräch zu bringen, fangen sie als Anheizerband wieder an - das allerdings an allerhöchster Stelle. The Darkness wird im Herbst mit Lady Gaga auf deren „Born This Way Ball“-Tournee gehen und am 24. September auch in der - längst ausverkauften - TUI Arena zu sehen sein. Hawkins, so viel steht fest, wird sich in Sachen Kostümierung etwas einfallen lassen müssen, um nicht als zweiter Sieger des Abends vom Platz zu gehen. Er hat sich bereits Gedanken gemacht. Vielleicht werde er in Anspielung auf Lady Gagas legendäres Fleischkostüm in einem „Catsuit aus Kartoffeln“ die Bühne betreten - oder verkleidet in die kulinarische Spezialität der jeweiligen Stadt. In Hannover wäre er jedenfalls der Erste, der als Calenberger Pfannenschlag auftritt.

17.08.2012
Kultur „Kleider nicht am Körper bügeln!“ - Ausstellung aus absurden Warnhinweisen
14.08.2012