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20:26 21.01.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Luftikus: „Sky Art“ von Otto Piene auf dem Opernplatz Hannover. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Wie weit Kunst reicht? Bis nach Salzgitter, mindestens. Ein Kunstwerk jedenfalls ist am Himmel über Hannover aufgestiegen und dann 50 Kilometer auf Reisen gegangen. Erst in Salzgitter landete „Iowa Star“, nachdem sich diese 15 Meter hohe, illuminierte und von Heliumschläuchen getragene Sky-Art-Skulptur auf dem hannoverschen Opernplatz außerplanmäßig losgerissen hatte. Das brachte erst Applaus vor der Oper und dann den Vorwurf des „Eingriffs in den Luftverkehr“ gegen den eigens aus den USA angereisten Urheber des Werkes: Otto Piene.

„Am Ende blieben die polizeilichen Ermittlungen folgenlos“, sagt der lächelnd dazu. Er kennt ja die deutschen Verhältnisse, schließlich stammt Otto Piene selbst aus Deutschland: Lange vor dieser Performance im Sommer 2001 und auch seither immer wieder hat er mit Licht und Luft, Feuer und Wind experimentiert. Der vielleicht wichtigste lebende Lichtkünstler wurde jetzt im Kunstmuseum Celle von Robert Simon, dem Sammler und Museumsdirektor, Piene-Fan und Lichtkunst-Förderer, mit dem erstmals vergebenen deutschen Lichtkunstpreis geehrt.

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„Licht ist Leben“, sagt Piene, und er meint das keineswegs nur metaphorisch: „Denken Sie nur an die Photosynthese.“ Seit einem halben Jahrhundert pendelt er zwischen den USA und Deutschland, und er lässt Naturkräfte für seine Kunst auch gern in großen Dimensionen wirken: Über das Sun Valley im US-Bundesstaat Idaho hat er 1985 mehrere hundert Meter weit die Lichtskulptur „Neon Rainbow“ gespannt, einen mit Neonröhren illuminierten Bogen aus Heliumschläuchen. Auf der Moerser Halde Rheinpreußen hat er 2006 „Geleucht“ errichtet, einen Turm in Gestalt einer Grubenlampe, jedoch 30 Meter hoch und kilometerweit leuchtend.

Piene wurde 1928 geboren, er gehört der Flakhelfer-Generation an, er hat Anfang der fünfziger Jahre Kunst studiert und auf väterlichen Wunsch noch ein Lehramtsstudium draufgesattelt. „Sicherheitshalber - mein Vater war ja selbst Gymnasialdirektor“, sagt Piene. „Aber nach dem Staatsexamen stand fest: Jetzt kann ich in die Schule, aber ich muss es nicht.“ Mit Licht und Luft, Feuer und Wind experimentiert Piene seit seinen Anfängen, er koloriert Flächen mit Kerzenruß, lässt Rauch durch Lochraster dringen oder Feuer auf der Leinwand ein Inferno anrichten. Und schafft somit Werke, die gleichsam nur noch die zu Materie geronnenen Fußnoten zum ebenso dynamischen wie vergänglichen Kunstereignis bilden.

Muss man abgehoben sein, um Arbeiten zu schaffen, die leuchtend zum Himmel steigen? Wer Otto Piene trifft, wird nicht an seiner Bodenhaftung zweifeln, erlebt aber einen Künstler, der sich noch heute über die Enge der Ära Ade-nauer echauffieren kann. Dagegen hat er - gemeinsam mit den Künstlerfreunden Heinz Mack und Günther Uecker - vor 50 Jahren im „Manifest Zero“ eine Art Stunde null in der Kunst proklamiert. „Zero“, heißt es darin apodiktisch, „ist der Anfang.“ Wer ihn heute nach dem Pathos des Neubeginns fragt, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mehltau jener Jahre damals auf die junge Generation wirkte: „Da herrschte eine depressive, negative Stimmung, ein Klima von Agonie und Stillstand“, schildert er die Atmosphäre der fünfziger Jahre. Auch in der Kunst, die die in der Nazi-Zeit verfemte Moderne nachzuholen versuchte, seien ihm die deutschen Varianten der abstrakten Malerei „teils einfach nur epigonal“ vorgekommen.

Dagegen setzte Piene auf Wechsel. „Als ich 1964 die dritte Einladung in die USA bekam, habe ich angenommen“, erzählt er. „Wie lange ich da bleiben würde, konnte und wollte ich nicht absehen.“ Rasch hat er das Leben in den USA zu schätzen gelernt, vor allem die Offenheit und Neugier der jungen Generation. „Neugier“, sagt Piene auch heute kategorisch, „ist die höchste Form der Intelligenz.“ Und nirgends, betont er, habe er „so viel geballte Intelligenz“ erlebt wie an der US-Ostküste. Kein Wunder: Piene gelangte - nach einer Zwischenzeit an der Universität von Pennsylvania - als Kunstprofessor ans Massachusetts Institute of Technology in Cambridge.

Begeistert war er da nicht nur von seinen Studenten, auch bei ihnen muss er Begeisterung ausgelöst haben. Denn ohne Freiwillige konnte er seine raumgreifenden Installationen ebenso wenig bewerkstelligen wie ohne Geldgeber. Und wie hat er die motiviert? „Ich konnte schon gut zeichnen, als ich noch nicht einmal schreiben konnte“, sagt er. „Schon als Kind hatte ich immer meinen Skizzenblock dabei.“ Wer künstlerische Visionen überzeugend visualisiere, könne für deren Verwirklichung auch leichter die nötigen Partner gewinnen. Auch in Deutschland, wo er die Fassade einer Kölner Wormland-Filiale mit einer bewegten Skulptur versah, oder eben in Hannover, wo er für seine „Sky Art“ Unterstützung von Enercity bekam.

Ist er mit solchen Performances am Ziel seiner Visionen? „Bislang haben wir es den Kriegern überlassen, den Himmel zu erobern, im Krieg hat die Menschheit Feuersbrünste am Firmament entstehen lassen“, konstatierte Piene schon als Zero-Programmatiker. „Wann werden wir den Himmel für Spaß und Spiel nutzen, ohne Angst und Misstrauen als Triebkräfte?“ Das nennt er seine Utopie. „Meine Utopie hat ein solides Fundament: Licht, Rauch und zwölf Scheinwerfer!“

Nun, auf dem Weg dorthin hat wohl keiner größere Schritte als er unternommen.

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