Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Eine Beziehungskiste aus Pappe
Nachrichten Kultur Eine Beziehungskiste aus Pappe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
06:15 09.06.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Beim Theaterforum gibt es skurriles Kartontheater zu sehen. Quelle: Hiel
Anzeige
Braunschweig

Ohne Mitleid ist Theater kaum zu denken. Der Zuschauer leidet mit dem Prinzen, für den die Welt aus den Fugen geraten ist, mit der Frau, die ihren Bruder begraben will und sich der Staatsräson widersetzt, oder mit den Clowns, die auf jemanden warten, der wohl auch morgen nicht kommen wird. Und manchmal leidet der Zuschauer auch mit einem Pappkarton. Oder einem Sicherungskasten. Oder einem Tablett.

Das sind einige der Helden aus „Springville“, einem charmant versponnenen Objekttheater der belgischen Künstlerin Miet Warlop. Das Stück ist beim Festival Theaterformen in Braunschweig zu sehen - und da gehört es auch hin. Denn es ist eine sehr wunderliche Theaterform, die Festivalleiterin Anja Dirks entdeckt hat. Was da im LOT-Theater präsentiert wird, ist Baumarkttheater in der Art der Bastelspiele von Philippe Quesne, die schon mehrfach bei den Theaterformen zu sehen waren. Allerdings spielt der Prozess des Bauens, anders als bei Quesne, hier so gut wie keine Rolle. Die Dinge sind schon fertig, sie sind einfach da, und es wird nicht mit ihnen gespielt - sie spielen selbst.

Anzeige

Gleichberechtigt treten sie neben dem Mann im grünen Anzug und dem wunderlichen Riesen auf. Das Herz - und das Mitleid - der Zuschauer aber gehört einem kleinen Karton, der auf zwei kurzen Beinen über das weiträumige Bühnenfeld gestapft kommt. Er hat kleine Löcher als Augen und eine Röhre, die wie ein Rüssel aus dem nicht vorhandenen Gesicht ragt.

Einmal reißt der böse Mann im grünen Anzug dem kleinen Karton das Rüsselchen aus dem Kopf, kürzt es mit der Säge um mehr als die Hälfte und steckt den Kurzrüssel grob ins Kopfloch zurück. Der kleine Karton reagiert empört: In Schläfengegend explodiert etwas, dann steigt violetter Rauch auf. Er muss richtig böse sein. Und während man sich noch darüber wundert, wie leicht man bereit ist, sich in die Gefühlswelt von Kartons hineinzuversetzen, explodiert ein weiblicher Sicherungskasten, und ein Tisch mit langen Frauenbeinen in High Heels stöckelt über die Bühne.

Eine Geschichte wird hier nicht erzählt, es geht eher um die Beziehungen zwischen Karton, Stöckeltisch, Sicherungskasten, Mann und Riese. Und um Zerstörungen. Am Ende schwebt das Haus, in dem der Mann mit dem grünen Anzug wohnt, auf einer Art Wolke (die sich enttäuschenderweise nur schlapp aufpusten ließ) davon und explodiert. Gelber Rauch steigt auf, die Wände brechen auseinander - und aus dem Haus schält sich ein neues Haus, das gleich wieder zertrümmert wird. Der kleine Pappkarton hat sich mittlerweile einer erheblichen Menge Wassers entledigt und liegt matt am Boden. Ach.

Eine knappe Stunde dauert das surreale Katastrophentheater, und so lange ist das poetische Slapstickgeschehen auch ganz reizvoll. Allerdings wäre wohl jeder weitere Kistenkastenzauber zu viel gewesen. Und wo Explosionen Sprache ersetzen, fehlt dem Publikum auch irgendwann die Luft zum Atmen.

Papphäuser gibt es auch noch anderswo bei den Theaterfomen zu sehen. Im Städtischen Museum Braunschweig ist noch bis Sonnabend „Home sweet Home“ aufgebaut, eine Installation des britischen Duos „Subject to Change“. Der große Lichthof des Museums, das nach mehrjähriger Sanierung nun kurz vor der Wiedereröffnung steht, ist in einen Spielplatz verwandelt worden. Auf dem Boden liegt ein Tuch, Straßen sind dort eingezeichnet und Grundstücksgrenzen, und die Besucher sind aufgefordert, Papphäuser nach eigenen Vorstellungen zu kreieren. Eine utopische Stadt soll wachsen, eine Reflexion städtischer Identität soll stattfinden. Die Pappstadt hat eine Ratsversammlung, einen Postboten und ein Bürgerradio. Und auch schon den ersten Ärger: Nachdem ein Besucher ein Atomkraftwerk gebaut hatte, formierte sich schnell eine Protestbewegung. Sehr lustig - aber eine Theaterutopie ist diese Stadtutopie eher nicht. Wie vielen Mitmachprojekten ist ihr etwas bemüht Buntes, gewollt Lustiges eigen.

Eine kleinere, stillere Arbeit ist während des Festivals im Braunschweiger Staatstheater zu sehen. Im Foyer des Kleinen Hauses hängen Monitore an der Wand, auf denen Menschen gezeigt werden, die viel denken und wenig sagen. Der Schweizer Videokünstler Mats Staub, der vor drei Jahren bei den Theaterformen in Hannover ein „Erinnerungsbüro“ eingerichtet hatte, in dem die Befragten von ihren Großeltern erzählten, hat jetzt wieder Menschen beim Erinnern beobachtet. In seiner Videoinstallation „Feiertage“ lässt er sie nachzählen: „Wie viele Menschen hast du in den vergangenen zwölf Monaten kennengelernt?“, „Wie viele Freunde hast du?“. Da kommt auch der Betrachter ins Grübeln. Erzählen, erfährt man hier, hat auch etwas mit Zählen zu tun.

Theaterformen Braunschweig bis10. Juni. Infos: www. theaterformen.de

Johanna Di Blasi 05.06.2012
05.06.2012
Jutta Rinas 05.06.2012
Anzeige