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Kultur Eine Dissertation widmet sich Heinrich Hellwege
Nachrichten Kultur Eine Dissertation widmet sich Heinrich Hellwege
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13:17 22.11.2010
Von Simon Benne
Heinrich Hellwege in den fünfziger Jahren im Kreis von Schützen. Quelle: dpa

Es ist ein kurioser Rekord, der noch lange Bestand haben dürfte: Obwohl seine welfisch gesonnene Deutsche Partei nur 12,4 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl bekommen hatte, wurde Heinrich Hellwege 1955 zum Ministerpräsidenten gewählt. Nie mehr ist seither jemand mit weniger Parteistimmen Regierungschef in Niedersachsen geworden. Die zerstrittene CDU war bei der protestantischen Landbevölkerung als erzkatholisch verschrien – sie wurde in Niedersachsen erst spät zur echten Volkspartei. Und so bildete Hellwege eine bürgerliche Koalition und löste Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) als Landesvater ab, der ihn freilich 1959 seinerseits wiederum beerbte.

Hellwege fühlte sich dem „roten Welfen“ Kopf verbunden, gerne sprachen beide Platt miteinander, und als er 1957 eine Koalition mit CDU und SPD einging, wurde Kopf sein Innenminister. Freilich steht Hell­wege bis heute im Schatten seines populären Vorgängers und Nachfolgers. Niedersachsens erster konservativer Regierungschef ist heute der vergessene Ministerpräsident – wohl auch, weil seine DP Anfang der Sechziger in der CDU aufging und fortan keine Partei so recht die Erinnerung an den 1991 verstorbenen Politiker pflegte. Außerdem wird seine Amtszeit bis heute vom „Fall Leonhard Schlüter“ überschattet: Gegen die Berufung des rechtslastigen jungen Verlegers zum Kulturminister gab es 1955 so massive Proteste, dass dieser nach wenigen Tagen zurücktreten musste.

Der Politologe Matthias Frederichs hat jetzt an der Leibniz-Uni Hannover über Hellwege promoviert. Für seine Disser­tation durchforstete er unter anderem Hellweges Privatarchiv, das von dessen Tochter gehütet wird. Und er gewinnt Hellwege, der immer einen überpartei­lichen Habitus pflegte, durchaus sympathische Seiten ab. Dieser hatte – gemeinsam mit Kopf – seinen Anteil an der Gründung des heutigen Bundeslandes und stärkte den Zu­sammenhalt der Lan­desteile, indem er unermüdlich eine gesamtniedersächsische Identität propagierte. Er förderte als Regierungschef das Emsland und die Küstenregion. Die Arbeitslosigkeit ging in seiner Ära zurück, und mit der Zusammenlegung kleiner Dorfschulen fällt in seine Ägide eine moderate Modernisierung des Landschulwesens.

Freilich liegt eine gewisse Tragik Hellweges darin, dass seine Amtszeit zu spät kam, um noch Großtaten beim Wiederaufbau zu leisten, und zu früh für große Neuerungen – die Zeit von Gesamtschulen oder Gebietsreform kam erst später. Unterm Strich setzte Hellwege Kopfs Politik fort. Es kam nicht einmal zu einer Revision des Schulgesetzes, wie vom katholischen CDU-Flügel gefordert.

All das beschreibt Matthias Frederichs in seiner gut lesbaren Dissertation kenntnisreich und anschaulich. Freilich bleibt es schwer zu sagen, worin Hell­weges originäre Verdienste liegen. Er konzentrierte sich darauf, „Bestehendes zu verwalten und weniger darauf, neues Terrain zu betreten“, urteilt Frederichs. Immerhin lässt sich Schlechteres über Politiker sagen.

Matthias Frederichs: „Niedersachsen unter dem Ministerpräsidenten Heinrich Hellwege (1955–1959)“. Hahnsche Buchhandlung. 255 Seiten, 29 Euro.

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