Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Schuldig oder nicht schuldig?
Nachrichten Kultur Schuldig oder nicht schuldig?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:22 22.06.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Beschriftete Akteure: Tänzer Faustin Linyekula schreibt sich den Namen eines Soldaten auf die Brust,
Beschriftete Akteure: Tänzer Faustin Linyekula schreibt sich den Namen eines Soldaten auf die Brust, Quelle: Andreas Etter
Anzeige

Normalerweise stehen die Zuschauer im Theater nicht auf, wenn die Akteure auf der Bühne erscheinen. Das ist hier anders. Ein Justizwachtmeister tritt an die Rampe und fordert das Publikum auf, sich zu erheben, wenn der Richter den Saal betritt. Der Richter erscheint, und brav stehen alle auf. Es scheint, als würde hier nicht Gericht gespielt, sondern als sei das hier ein Gericht. Die Ernsthaftigkeit irritiert.

Die Verhandlung beginnt. Angeklagt ist ein gewisser Hamlet. Er hat Polonius getötet, so viel ist klar. Hamlet behauptet, er habe nur auf eine Ratte gezielt, die er hinter dem Vorhang vermutete, die Staatsanwältin meint, das sei kein Unfall gewesen. Sie ist sich sicher: Hamlet (ein paar Mal sagt sie „Herr Hamlet“) habe Polonius töten wollen. Schließlich habe er nach der Tat nicht versucht, dem Sterbenden zu helfen, sondern ihm auch noch den Mund zugedrückt.

Vieles spricht gegen Hamlet. Für ihn spricht jedoch das soziale Umfeld. Denn der Mord geschah nicht auf Schloss Helsingör sondern in einer schäbigen Sozialwohnung, in der es von Ratten nur so wimmelt. Da kann man schon mal das Messer zücken. Hamlet ist Studienabbrecher, kein Prinz. Die Theatermacher Yan Duyvendak und Roger Bernat haben den fiktiven Fall des Dänenprinzen, der beim Streit mit seiner Mutter den Degen zückt und durch einen Vorhang sticht, hinter dem er ein Geräusch gehört hat, mit einem realen Tötungsdelikt verwoben. Die Gerichtsverhandlung darüber ist ein Spiel auf der Bühne, aber ein sehr realistisches. Es treten echte Richter, echte Anwälte, ein echter Gutachter und ein echter Justizwachtmeister aus der Stadt auf; alle kommen aus der Stadt, in der „Please, Continue (Hamlet)“ gerade gezeigt wird, jeden Abend steht ein neues Team auf der Bühne. Nur der Angeklagte Hamlet, die Zeugen Gertrud und die Nebenklägerin Ophelia werden von Schauspielern gegeben.

Im Unterschied zu einem Theaterstück ist eine Gerichtsverhandlung meist eher langweilig. Hier wird nichts verdichtet, nichts weggelassen, nichts zugespitzt. Das muss ausgehalten werden. Nun auch im Theater. Das Stück dauert länger als drei Stunden – und es zieht sich. Gleichzeitig ist der Einbruch der Wirklichkeit ins Theater aber auch hochspannend. Man erkennt die Bemühungen des Gerichts, den wirklichen Tathergang so genau wie möglich zu rekonstruieren.

Die Pointe am Ende liefert der Theatermacher Yan Duyvendak. Kurz vor der Urteilsverkündung (wieder hat sich das Publikum erhoben) unterbricht er den Richter und erklärt, dass das Stück bisher 84-mal aufgeführt wurde. Dabei habe es einige Freisprüche gegeben, sowie Verurteilungen zu einer Haftstrafe. Das Strafmaß reiche von einigen Monaten bis zu zwölf Jahren. Das ist erstaunlich, schließlich wird stets derselbe Fall verhandelt. In Braunschweig verurteilte das Gericht Hamlet zu acht Jahren Freiheitsentzug. Zwei Jahre davon muss er in einer Entziehungseinrichtung verbringen, um sein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Der Richter erklärt ihm, das sei auch eine Chance.

Die verstörende „Hamlet“-Verhandlung gehörte zu den größeren Produktionen des Festivals, das in diesem Jahr auch wieder viele kleinere Studiobühnenproduktionen präsentierte. Manches wirkte da recht selbstverliebt (wie „Jeder echte Herzschlag“ der Gruppe N099 aus Estland); anderes (wie „Sounds like war: Kriegserklärung“ der deutschen Gruppe andcompany&Co) schien sich noch im Experimentierstadium zu befinden.

Eine kleine Produktion aber vermochte das Publikum durchaus zu berühren: Der Tänzer Faustin Linyekula (der in Hannover bereits bei den Theaterformen und beim Festival Tanztheater International zu Gast war) erzählt in seiner Performance „Statue of Loss“ von kongolesischen Freiwilligen, die im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft haben. Für sie sollte an der Mündung des Kongoflusses ein Denkmal errichtet werden. Doch dazu ist es nicht gekommen.Nun tanzt ihnen der Choreograf ein Denkmal.

Kultur Intendant Pereira tritt an - Mailänder Scala mal wieder vor Neuanfang
22.06.2014
22.06.2014
Kultur Film über Carl Lutz - Der vergessene Judenretter
21.06.2014