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Kultur „Eine Perle Ewigkeit“ kommt ins Kino
Nachrichten Kultur „Eine Perle Ewigkeit“ kommt ins Kino
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20:14 04.11.2009
Von Stefan Stosch
Das Kreuz mit der Vergangenheit: Fausta (Magaly Solier) und ihr Onkel (Marino Ballón).
Das Kreuz mit der Vergangenheit: Fausta (Magaly Solier) und ihr Onkel (Marino Ballón). Quelle: Neue Visionen
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So etwas hatte es bei einer Berlinale-Preisverleihung noch nicht gegeben, und es war ein ergreifender ­Augenblick: Die Hauptdarstellerin des Siegerfilms, die 22-jährige Magaly ­Solier, bestieg die Bühne und sang ­ihren Dank an die Welt hinaus, und zwar auf Quechua, der indigenen Sprache der Anden – so, wie die Frauen in ihrem Film voller Trauer und voller Poesie von ihrem Leid und ihren Qualen singen.

„Eine Perle Ewigkeit“ war der erste peruanische Film, der es überhaupt in den Berlinale-Wettbewerb geschafft hatte – und dann gewann er in diesem Jahr gleich den Goldenen Bären. Der Film entstand mithilfe des „World Cinema Fund“, einer Initiative der Berlinale in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung des Bundes. Filmländer sollen gefördert werden, die auf dem internationalen Kinomarkt sonst kaum eine Chance hätten.

Manches wirkt in Claudia Llosas zweiter Arbeit (nach „Madeinusa“, 2006) für Westeuropäer exotisch, doch lässt sich aus diesem so folkloristischen, beinahe märchenhaft anmutenden Film viel über die Geschichte des südamerikanischen Landes herausfühlen. Die erst 32-jährige Regisseurin, eine Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa, überträgt gewissermaßen den magischen Realismus ins Kino.

Bevor noch die ersten Bilder in diesem Film zu sehen sind, hören wir eine brüchige Frauenstimme. Die alte Perpetua singt von Vergewaltigung und sadistischen Quälereien, die ihr vor vielen Jahren Soldaten angetan hatten, und das ausgerechnet in jener Zeit, als sie mit ihrer Tochter Fausta schwanger war. Dann stirbt Perpetua.

Nun muss Fausta (Magaly Solier) sehen, woher sie das Geld bekommt, um die Leiche der Mutter ins Heimatdorf zu transportieren, wo sie beerdigt werden soll. Einstweilen verstaut sie den einbalsamierten Körper unter dem Wohnzimmertisch.

"Eine Perle Ewigkeit" ist die Geschichte eines Erwachens, einer Befreiung und einer Freiheitssuche. Zwischen Erinnern und Vergessen begleitet der Zuschauer Fausta auf einer hypnotisierenden Reise durch eine Welt voller Sagen, Mythen und Geheimnisse.

Fausta ist eine schwermütige, schweigsame Heldin. Und eine gewöhnungsbedürftige noch dazu: In ihrer Vagina trägt die junge Frau eine Kartoffel mit sich herum. Die Knolle soll sie vor Vergewaltigung schützen. Fausta stutzt die Triebe der Kartoffel wie andere Frauen ihr Kopfhaar.

„La teta asustada“ heißt der Film im Original, was sich etwa mit „Angst­erfüllte Brust“ übersetzen lässt. Die Tochter hat quasi die Furcht der Mutter mit der Milch aufgenommen und weiter in die nächste Generation getragen. Zwischen 1980 und 2000 sollen bei Massakern linker Guerillaorganisationen und der Regierung in Peru bis zu 70.000 Menschen ermordet, Tausende Frauen vergewaltigt worden sein.

Fausta lebt am Rande der peruanischen Hauptstadt Lima in einer Hütte, die nur über schier endlose Treppen erreichbar ist. Oft sehen wir die Menschen aus großer Distanz schweigend durch Staub und Hitze wandern. In dieser Umgebung gibt es keine Arbeit für die junge Frau.

Schließlich findet Fausta einen Job als Dienstmädchen bei der weißen wohlhabenden Konzertpianistin Aída (Susi Sánchez), die gerade in einer künstlerischen Krise steckt und sich bald schon Inspiration aus den Volksliedern ihrer neuen Angestellten erhofft. Die herrische Musikerin verspricht Fausta als Bezahlung für den Gesang kostbare Perlen – was verdächtig nach postkolonialer Ausbeutung klingt: Perlen verteilten Weiße schon immer gern an die Eroberten.

Im Gegensatz zu der Arbeit in dem düsteren Haus stehen die pittoresken Szenen bei Faustas Onkel (Marino ­Ballón), der ein gut gehendes Hochzeitsunternehmen führt. Unentwegt wird deshalb in diesem Film geheiratet – und je länger die Schleppe des Brautkleides ist, das zwischen Hunden und Kindern ­anprobiert werden muss, desto besser.

Der Film von Claudia Llosa ist rätselhaft und gerade deshalb faszinierend, er ist aber zugleich stark mit Symbolen überfrachtet. Am Ende macht sich Fausta auf, um den Dämonen der Vergangenheit zu entkommen. Ihrem Weg in die Freiheit folgt man gern.

Der Schmerz der Frauen:
 Poetisch, rätselhaft, faszinierend.
 Von Donnerstag an
 im Kino.