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Kultur Eine quälende Geduldsprobe mit Ibsens „Rosmersholm“
Nachrichten Kultur Eine quälende Geduldsprobe mit Ibsens „Rosmersholm“
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14:18 20.09.2011
Sofa-Spiel: Annika Kuhl und Peter Lohmeyer. Quelle: dpa
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Berlin

Acht Jahre sind eine lange Zeit, da kann man Sehnsucht bekommen. Das ist nur natürlich. Und ja, so lange ist es tatsächlich schon her, dass Leander Haußmann, damals ohne Zweifel einer der Großen seines Metiers, nicht mehr fürs Theater inszeniert hat. Immerhin: Die Zwischenzeit hat er dazu genutzt, um zu einem der erfolgreichsten deutschen Filmregisseure zu werden. Seine Spe­zialität sind kompetent schnoddrige, deutsch-deutsche Befindlichkeitskomödien wie „Sonnenallee“, „Herr Lehmann“ oder „NVA“. Aber das Geschäft ist bekanntlich hart, und alles muss immer sehr schnell gehen. Also hat sich Haußmann nun einen Wunsch erfüllt: einfach mal wieder Menschen auf ein Sofa zu setzen und vor Publikum reden zu lassen.

Konventionell, simpel und überraschend langweilig

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Es ist Ibsens „Rosmersholm“, mit dem er nun die Berliner Volksbühne bespielt. Ein so unheilschwangeres wie abgründiges Konversationsstück ohne erwähnenswerte äußere Handlung und deshalb auch eine ideale Reduktionstherapie für die gestressten Filmschaffenden. Denn Haußmann bringt mehrere Branchenkollegen mit (und sichert seiner Aufführung so die entsprechende Aufmerksamkeit). Neben seiner Lebensgefährtin Annika Kuhl, die in vielen seiner Filme mitgespielt hat, besetzt er die männliche Hauptrolle mit Peter Lohmeyer. Von dem Theaterdebütanten Uli Hanisch, dem Ausstatter von Großproduktionen wie „Das Parfum“, lässt er sich eine hohe, verwinkelte Gespensterschlosstreppe bauen, um die herum eine gigantische Ahnengalerie aufgezogen wird. Das sieht gut und unheimlich aus und gebietet Ehrfurcht, ragt aber weitgehend ungenutzt über einem Abend, der konventionell, simpel und überraschend langweilig vor sich hin dümpelt.

Die Figuren sitzen in Kostümen des 19. Jahrhunderts auf Antiquitäten und informieren einander in trockener Weise über ihre inneren Tumulte – fast dreieinhalb Stunden lang. Haußmann baut hier und da etwas Musik ein, einige völlig sinnlose Gags (Axel Wandtke spricht kurz im Falsett, nachdem er sich an einem Keks verschluckt hat) und lässt ansonsten die ibsensche Wahrheitsfindungsmaschinerie alles Weitere besorgen. So etwas kann auch auf der langen Strecke dunkle Funken versprühen, wenn brillante Schauspieler stark und kraft- und geheimnisvoll sind. Hier aber wird „Rosmersholm“ zur quälenden, uninspirierten Geduldsprobe.

Allerweltsmädchen im Linda-Blair-Exorzismus-Modus

Lohmeyer gibt den intellektuellen Expastor Rosmer, der nach dem Tod seiner Frau alle alten Ideale infrage stellt, als scheuen Jammerlappen, der seine Sinnkrisen in einem entnervend gleichförmigen Leidenstonfall herunterbetet. Noch problematischer aber ist, dass Annika Kuhl die verzweifelt intrigierende Rebekka West, die ihn anstachelt und umgarnt, als Allerweltsmädchen anlegt, das keinerlei Interesse an all den neurotischen Abgründen zu wecken weiß. Auch dann nicht, wenn sie mal eben auf Linda-Blair-Exorzismus-Modus umschaltet und sich grunzend auf dem Sofa wälzt.

Es gibt nicht viel Gutes zu vermelden von dieser Bühnenrückkehr. Höchstens, dass Margit Carstensen mit von der Partie ist. Als Haushälterin raunt und lästert sie, ist verhuscht, desorientiert und manchmal belustigt. Und wenn sie auch nicht viel zu tun hat, macht sie doch eindrucksvoll klar, dass im Theater Charisma nur durch weniges zu ersetzen ist. Eine große Treppe hätte als alleinige Attraktion aber auch im Film nicht genügt.

Wieder am 24. und 25. September, Karten unter Telefon (0 30) 24 06 57 77.