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19:20 18.08.2011
36 Millionen Euro teurer Umbau für Kunsthalle Bremen: Der historistische Bau hat neue Flügel bekommen. Quelle: Müller
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Bremen

Ein wenig paradox klingt es schon, wie Wulf Herzogenrath die Erweiterung der Kunsthalle Bremen charakterisiert: Fast die Hälfte seiner Mitarbeiter habe viele Veränderungen im Inneren des Baus gar nicht bemerkt, so gut korrespondiere das neue architektonische Konzept mit dem alten, so der Museumsdirektor. Muss aber ein Umbau, von dem selbst Insider kaum etwas sehen, gleich 36 Millionen Euro kosten?

Lang genug hat die Bremer Öffentlichkeit über Sinn und Zweck, Kosten und Nutzen des Großprojekts diskutiert. Ab morgen kann sich nun jeder vor Ort ein Bild von der Erweiterung und Restaurierung der Bremer Kunsthalle machen. Nach zweijähriger Bauphase öffnet das Museum wieder seine Tore.

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Und tatsächlich: Auf den ersten Blick sieht alles aus wie früher. Die Architekten Karl Hufnagel, Peter Pütz und ­Michael Rafaelian hatten sich im Vorfeld gegen 350 Konkurrenten mit einem Entwurf durchgesetzt, der insofern vor allem durch „Unauffälligkeit“ besticht, als er höchst geschickt die bereits beim Erstbau (1849) angelegte Symmetrie des Kunsthallen-Gebäudes aufgreift, diesen allerdings um zwei nahezu identische Flügel ergänzt. Die Sandstein-Außenfassade des Altbaus tritt in den Anbauten nunmehr stellenweise als Innenwand in Erscheinung: Das Museum stellt sich und seine Historie hier selbst aus.

Doch natürlich ging es bei der Restaurierung der Kunsthalle nicht allein darum, Wiedererkennungswerte zu schaffen. Das Museum hat etwa ein Drittel an Fläche gewonnen. Allein das berühmte Kupferstichkabinett, das Herzstück der hauseigenen Sammlung, hat nun doppelt so viel Raum wie zuvor. Vielleicht noch wichtiger aber: Die Anlieferungszone, die Sicherheits- und Klimatechnik, Depots und Restaurierungswerkstätten wurden im Zuge der Bauarbeiten auf den neuesten Stand gebracht. Nach Auffassung des scheidenden Direktors Wulf Herzogenrath, der im November von Christoph Grunenberg (Tate Liverpool) abgelöst wird, ist das eine überfällige Maßnahme, um auch künftig international konkurrenzfähige Großausstellungen mit entsprechend wertvollen Leihobjekten anbieten zu können.

Ein Argument, das offenbar Bernd Neumann überzeugt hat: „Wer in der internationalen Museumsliga mitspielen will, muss auch den Anforderungen und technischen Standards gerecht werden“, so der Staatsminister für Kultur, der immerhin zehn Millionen Euro für den Erweiterungsbau bereitgestellt hat. Weitere zehn Millionen steuerten Stadt und Land Bremen bei, die übrige Summe, etwa 16 Millionen, hat der Kunstverein mit seinen mehr als 7000 Mitgliedern als Träger der Kunsthalle selbst eingesammelt. Das ist eine ganze Menge. In Hannover, wo eine 25 Millionen Euro teure Erweiterung des Sprengel Museums ansteht, sollen fünf Millionen Euro aus privater Hand kommen. Bisher gibt es Zusagen für etwas mehr als die Hälfte des Betrages.

In Bremen werden in den kommenden Wochen nun nach und nach mehr als 2000 Gemälde und Skulpturen, rund 200 000 Werke auf Papier sowie etwa 100 000 Bücher Platz in der Kunsthalle finden. Allerdings möchte Wulf Herzogenrath hier nichts überstürzen: Die neue Klimaanlage des Hauses muss noch getestet werden. Erst in sechs Wochen, schätzt der Museumsdirektor, werde das Gebäude frei von gröberen Staubpartikeln sein, sodass man es auch für empfindliche Exponate öffnen könne. Bis dahin ist der Eintritt kostenlos.

Bereits jetzt zu sehen gibt es indes die sogenannten „Künstlerbeiträge in der Gebäudearchitektur“. Besonders beeindruckend: James Turrells „Above-Between-Below“. Drei exakt übereinander liegende Lichträume hat Turrell während der Bauarbeiten im Altbau der Kunsthalle geschaffen. Im Erdgeschoss zeigen in eine ovale Steinplatte eingelassene LED-Lichter ein Sternbild: Es handelt sich um den Antipoden der Kunsthalle, also um jenen Sternenhimmel, den man sehen könnte, wenn man genau auf der gegenüberliegenden Seite der Erdhälfte in den Himmel sähe. Nach oben dagegen erschließt sich dem Betrachter der Blick auf den Sternenhimmel Bremens, dessen tageszeitliche Veränderung sich im zweiten Stock durch eine ovale Dachöffnung verfolgen lässt.

Richtig ernst aber wird es am 15. Oktober. Denn dann eröffnet die Kunsthalle Bremen die große Edvard-Munch-Ausstellung „Hinter der Leinwand“.
Am Eröffnungswochenende, 20. und 21. August, hat die Kunsthalle Bremen von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Alexander Schnackenburg

18.08.2011
Johanna Di Blasi 18.08.2011
Kristian Teetz 18.08.2011