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Kultur Einzelausstellung von John Gossage kommt ins Sprengel Museum
Nachrichten Kultur Einzelausstellung von John Gossage kommt ins Sprengel Museum
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08:15 22.02.2012
Bedrohliches Idyll: Ausschnitt eines Gossage-Werks von 2008. Quelle: Handout
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Hannover

Es heißt, der amerikanische Fotokünstler John Gossage sei von Grenzen fasziniert. Vielleicht weil sie ihn wie viele Menschen herausfordern. Und für einen Künstler scheint das Überschreiten von Grenzen geradezu eine Berufsbeschreibung zu sein.

In „The Pond“ (1985), eine schwarz-weiße Fotoserie, die den 1946 in New York geborenen Künstler berühmt gemacht hat und die auch bei der großen Fotografieausstellung „Photography Calling“ im Sprengel Museum zu sehen war, tauchen Grenzen in vermittelter und metaphorischer Weise auf. Der Teich in dem Werk hat jede arkadische Anmutung verloren. Zivilisationsmüll im Wasser ruiniert die reine, unberührte Natur. Die vom Menschen herbeigesehnte Einheit mit ihr, Teil des amerikanischen Traums, funktioniert nicht mehr. Die Bilder der kontaminierten Natur werden zum Sinnbild einer kaputten Gesellschaft.

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Um eine konkrete Grenze, die zwischen Mexiko und den USA, geht es in der Fotoserie „There and Gone“ (1995) – und um die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Menschen mit dem Überschreiten dieser Grenze verbinden. Auch dieses Werk hat das Sprengel Museum vor einigen Jahren in einer Einzelausstellung gewürdigt. Für „Berlin in the Time of the Wall“ (2004) hat Gossage bei wiederholten Aufenthalten die Berliner Mauer und Berlin fotografiert und aus mehr als 10.000 Aufnahmen die Bildreihen für sein grandioses Künstlerbuch ausgesucht. Wie kaum ein anderer lebender Fotograf versteht er es, genau hinzuschauen und in scheinbar beiläufigen Bildern – präzise und poetisch – soziale Pathologien aufscheinen zu lassen.

Das wird auch in seinen Fotoprojekten „The Thirty-Two Inch Ruler / Map of Babylon“ (2010) deutlich, die Gossage jetzt in einer weiteren Einzelausstellung im Sprengel Museum präsentiert. Das die Bildserien begleitende, prämierte Fotobuch ist wie ein Rondo gearbeitet. Hat man die Fotografien von „Ruler“ durchgeblättert, stößt man ungefähr in der Mitte des Buches auf das Ende von „Babylon“. Die Bildreihen komplettieren einander. Das Gesicht der Stadt aus „Ruler“ wendet sich in „Babylon“ ins Globale und Universelle.

Die Idee zu „Ruler“ hatte der Künstler, als ihm bewusst wurde, dass Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister im Kabinett von George W. Bush, sein Nachbar war. Von dem Tag an begann der Künstler, mit anderen Augen auf sein Wohnviertel in Washington zu schauen, wo es viele Botschaften und Privathäuser von Politikern gibt. Es ist ein angenehmer und geschützter Ort, der rund um die Uhr von drei Sicherheitsdiensten bewacht wird. Hinter den Türen vieler dieser gut behüteten Häuser wird Politik gemacht und über das Schicksal von Menschen auf der ganzen Welt entschieden.

Da er in die Häuser nicht einfach hineinspazieren konnte, hat Gossage sich gefragt, wie er das Spiel der Macht in Bildern des idyllischen Wohnortes sichtbar machen könnte. Er entdeckt es in fast unmerklichen Rissen, welche die perfekten Oberflächen seiner Motive wie Tatorte aussehen lassen. Vor einer prächtigen Villa staut sich der Abfall. Aus einer Tür quellen nicht abgeholte Briefe. Hohe Zäune und verschlossene Tore scheinen eher die Paranoia der hinter ihnen Wohnenden zu illustrieren als harmlose Zeichen eines verständlichen Sicherheitsbedürfnisses zu sein.

Gossage hat in dieser Werkserie zum ersten Mal digital und in Farbe fotografiert. In einer sanft modulierenden Farbe, welche die Aufnahmen nicht emotionalisiert, sondern strukturiert. Das Unheimliche und Bedrohliche in den klug und klar komponierten Bildern entdeckt man erst allmählich. Am Ende indes steht als Klimax eine Bildmetapher, die nicht drastischer sein könnte: ein Halloween-Skelett, das im Baum eines Vorgartens hängt.

Bis zum 17. Juni im Sprengel Museum Hannover. Künstlerbuch für 58 Euro.

Michael Stoeber

21.02.2012
Ronald Meyer-Arlt 21.02.2012
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