Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Piefkes freier Fall
Nachrichten Kultur Piefkes freier Fall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:19 14.03.2014
Foto: Spielt wohl der Voss heute? Die Wiener lieben ihr Burgtheater.
Spielt wohl der Voss heute? Die Wiener lieben ihr Burgtheater. Quelle: dpa
Anzeige
Wien

Er mag sich derzeit wohl selber so fühlen, als spiele er in einem mit – der Sturz vom Gipfel führt fürs Erste ins Nichts. Und wohl nicht nur für ihn.

Denn tatsächlich läuft ja gerade „Der falsche Film“ in Wien. Die wichtigen Rollen mögen vordergründig besetzt sein mit dem gebürtigen Osnabrücker Hartmann, der stets (von Hannover über München und Bochum bis Zürich und seit 2009 in Wien) so demonstrativ überzeugt war von der eigenen Unvergleichlichkeit; und mit der im vorigen Spätherbst aus dem Dienst entfernten Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, die bei jeder Premiere in den vorderen Reihen präsent war, um besondere Gäste besonders freundlich zu empfangen. Im Zentrum aber steht der rätselhafte Hauptdarsteller: das Burgtheater selbst.

Es ist eine Art Staat im Staate; als GmbH zwar Teil der staatlich-österreichischen Bundestheater-Holding, ausgestattet mit staatlichen 46 Millionen Euro und damit eines der opulent finanzierten Theater im deutschsprachigen Raum. Mit diesem Geld wird allerdings auch das umfänglichste Theaterensemble überhaupt finanziert – nach aktuellem Stand knapp über 80 feste Schauspieler (darunter mit Sven-Eric Bechtolf erstaunlicherweise auch der Schauspielchef der Salzburger Festspiele) sowie knapp über 30 regelmäßige Gäste. Matthias Hartmann hat in fünf Wiener Jahren nie auswärts gearbeitet (was anderen Intendanten gern tun); dafür genehmigte er sich Extrahonorare für Inszenierungen am eigenen Hause. Das ist nicht unüblich und markiert im Vertrag gemeinhin nur den hohen Marktwert eines inszenierenden Intendanten. Aber es passt zum Bild vom „Raffke“. Nun wird Hartmann die Gehälter bis 2019 einklagen; so lange wäre sein Vertrag gelaufen.

Auch der „Apparat“ des Burgtheaters ist enorm; es bespielt aber auch dreieinhalb Spielstätten – die Burg selber, das Akademietheater und das Kasino am Schwarzenbergplatz; außerdem das Vestibül, einen kleinen Spielraum im Burgtheater selbst. Silvia Stantejsky, die Finanzverwalterin, mit allen Abteilungen des Hauses vertraut aus der Arbeit mit den Intendanten Achim Benning, Claus Peymann, Klaus Bachler und Matthias Hartmann, hat zwischen diesem Theater-moloch und der staatlichen Holding offenkundig ein extrem kreatives, das heißt: bestenfalls halb legales Netz aus Finanzbeziehungen kreiert, von dem jeder künstlerische Leiter und auch der Aufsichtsrat wissen musste – anders geht’s gar nicht.

Außerdem ist die Wiener „Burg“ die Bühne mit den schärfsten Kritikern – nicht unter den Profis, nein: im Publikum. Ein Abend im Burgtheater kommt einer Vernissage sehr nahe. Die Premiere, das Stück, die Inszenierung, kurz: wer da was und wen spielt und warum, scheint bestenfalls zweitrangig. Interessant ist eh nur das Personal – spielt wohl der Voss heute? Nirgendwo auf der Welt muss das Publikum mit derart viel Geklingel gebeten, ja geradezu genötigt werden, endlich Platz zu nehmen im roten Samtgestühl – und nach der Pause wird’s eher noch schlimmer. Bis in die sechziger Jahre (erzählt Hermann Beil) verbeugte sich das Ensemble nicht – die „Burg“ war ja das Theater der österreichischen Kaiser; und das hieß: Beifall ja, verbeugen nein.

Aus dieser absichtsvollen Distanz erwuchs in der Stadt selbst das genaue Gegenteil: extreme Nähe. Über „die Burg“ weiß jeder in Wien Bescheid, irgendwie; wie in Gelsenkirchen über Schalke. Kräche wie der gegenwärtige (der allerdings ohne Beispiel ist) sind Staatsaffären ersten Ranges. Auch das mag Hartmann, dem an sich ja erfolgreichen, doch nach außen hin viel zu eitlen, arroganten „Piefke“, das Genick gebrochen haben – schon fordern Ensemblemitglieder, das „einer aus dem Umfeld“ des Theaters Chef werden müsse, wenigstens für den Übergang. Sven-Eric Bechtolf ist noch in Salzburg – aber das Festival im Sommer dauert ja nur ein paar Wochen.

Vielleicht wächst irgendwann auch das Publikum mit – wenn sich das Theater aus dem Trümmerfeld jetzt, nach dem Finanzcrash aus Fahrlässigkeit, wieder berappelt; und ganz zwingend, sehr gründlich und grundsätzlich die eigenen Strukturen reformiert. Da braucht’s einen Herkules. Und die „Burg“ muss sich wahrscheinlich verkleinern, um anknüpfen zu können an alte Größe. Wie gesagt: irgendwann.

Michael Laages

Kultur Leipziger Buchpreis für Saša Stanišic - Gegen das Migrantenghetto
14.03.2014
Kultur Hansi Hinterseer in Hannover - „Servus, geht’s guat?“
13.03.2014
Kultur Colum McCann in Hannover - Ein ozeanischer Erzähler
Martina Sulner 13.03.2014