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Kultur Kunst mit Köpfchen
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17:50 03.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Zur Ausstellung „The House of Horrors“ im Sprengel Museum gehört auch dieses abgeschlagene Haupt. Quelle: Holger Holleman
Hannover

Ist das Kunst? Oder kann das weg? Stünde das besser ein paar Hundert Meter weiter auf dem Schützenplatz? Oder steht „The House of Horrors“ hier, im Sprengel Museum, richtig? Auf den ersten Blick ist dieses Werk von Elaine Sturtevant, die am Sonntag mit dem Kurt-Schwitters-Preis geehrt wird, einfach nur eine Geisterbahn. Wenn auch eine, deren acht mal drei Meter große Front zweifellos Eindruck macht. Aber wer die seit 1990 in Paris lebende Amerikanerin kennt, die kurz Sturtevant genannt werden will, ahnt, dass sie sich diesmal selbst übertroffen hat. Das Sprengel Museum, wie jedes Museum dem Schönen gewidmet, fokussiert damit das Schreckliche, seine Faszination und Schönheit. Mit dieser Künstlerin aber zugleich auch das Schreckliche des Kunstbetriebs. Und nicht zuletzt die Frage, was heute eigentlich Kunst ausmacht?

Sturtevant, die vor fast fünf Jahrzehnten begonnen hatte, die Kunstwelt zu provozieren, indem sie populäre Werke von Roy Lichtenstein, Andy Warhol oder Tom Wesselmann aufgriff, treibt ihre Kunst der Wiederholung auf die Spitze, ironisiert den Kunstbetrieb und den der Museen gleich mit. „Ein starker Auftritt – und ein schöner Abschied“, sagt Direktor Ulrich Krempel. Er spielt damit nicht nur darauf an, dass „House of Horrors“ als erstes Gesamtkunstwerk Sturtevants auf eigene, frühere Arbeiten und erneut auf Strategien der Kunst seit der historischen Avantgarde zurückgreift. Sondern auch darauf, dass dies die letzte Schau in der großen Wechselausstellungshalle ist, die er als Museumschef ausrichtet. Im Februar 2014 hört Krempel auf.

Die 1930 in Lakeside im US-Bundesstaat Ohio geborene Sturtevant hat immer wieder Ärger auf sich gezogen, indem sie mit großem Gespür aktuelle Kunsttrends aufgenommen und deren repräsentative Werke für ihre eigene Arbeit verwendet hat. Andy Warhol sympathisierte mit dieser „Kunst der Wiederholung“ so sehr, dass er ihr dafür sogar die Drucksiebe seiner „Marilyn“-Drucke anvertraute. Der New Yorker Galerist Leo Castelli kaufte dagegen Werke von ihr auf – um sie zu vernichten. Sozusagen zur Marktbereinigung. Biederen Kunsthändlern galt Sturtevant als bloße Instant-Künstlerin, als Kopistin oder gar Plagiatorin. „Nur keine Angst!“, lautet das 
Lebensmotto, mit dem diese starke Frau solchen Anwürfen getrotzt hat.

Und nun also – auf 360 Quadratmetern Fläche – die Kopie einer Geisterbahn? Wer zwischen die Knochenarme der Wagen steigt und durch den von Totenköpfen bewehrten Pappmaché-Torbogen ins „House of Horrors“ einfährt, dem streichen tatsächlich Fledermäuse über den Schädel, der erlebt Frankensteins Erweckung oder jäh aufspringende Skelette unter dissonanten Orgelklängen oder dumpfem Stöhnen. Doch auch hier geht es Sturtevant nicht darum, fremde Werke als eigene auszugeben. Mit ihrer Arbeit distanziert sie sich von der naiven Unterscheidung zwischen Original und Fälschung – und sät genüsslich Zweifel auch am künstlerischen Originalitätsanspruch selbst.

„Fragt Elaine Sturtevant“, wies Andy Warhol Appelle zur Selbstinterpretation zurück. Das ist leicht gesagt, doch leichte Antworten hält Sturtevant nicht bereit. „Wiederholen heißt denken, man distanziert das Werk von seinem Ursprung und entwickelt es weiter“, hat sie in einem Interview gesagt. „Das verändert dessen Vergangenheit und Zukunft dynamisch – und vor allem die Denkweise darüber.“ Kunst entsteht nach Sturtevant nicht aus der Einzigartigkeit eines Künstlers, sondern aus kreativem Umgang mit der Tradition, aus Zitat und Montage, Neuinterpretation und Verfremdung. Solche Kunststrategien kennt man schon von Kurt Schwitters. Ganz passend also, dass Sturtevant am Sonntag mit dem nach Schwitters benannten Preis der Sparkassenstiftung geehrt wird.

Auch „House of Horrors“, das hier in Kooperation mit und erstmals außerhalb vom Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris gezeigt wird, ist mehr als ein Zitatenschatz: Auf dieser Tour d’Horreur blickt einen der von Damien Hirsts Foto bekannte, abgehackte Männerkopf an, jedoch dreidimensional, seufzend und leicht die Lippen schürzend. Hier rumpeln die Geisterbahnwagen an der Installation „Hate Kill Falsity“ (2006) aus Puppen mit verhüllten Köpfen vorbei, die Sturtevant unter dem Eindruck des Folterskandals von Abu Ghraib eben „Hass Töten Falschheit“ genannt hat. Dreidimensional nachgestellt wird auch Paul McCarthys Video, in dem der „Painter“ das Hackebeil auf die eigene Hand sausen lässt. Und jene Szene aus John Waters Kultfilm „Pink Flamingos“, in der der Transvestit Divine Hundekot aufleckt.
Ist das Kunst? In ihrem Gesamtkunstwerk aus Malerei und Skulptur, Video- und Filmzitaten, Performance und Happening nimmt Sturtevant sich künstlerische Grenzgänger zwischen Kunst und Leben in der Tradition der historischen Avantgarde vor – und setzt deren Kunstzitate gleichsam erneut in Anführungszeichen. Schrecken erwächst hier aus der Provokation von Sitte und Anstand, aus der Leere des Abgeschmackten, der in der Kurvenfahrt durchs Dunkle erfahrbaren Isolation, die die Reisenden durch dieses Horrorhaus auf archaische (Angst-)Muster zurückwirft.

Ganz schön schrecklich also, dieses „House of Horrors“. Es karikiert überdies noch den Museumsrundgang, vereinzelt die Besucher und taktet ihre Verweildauer vor den Exponaten so streng durch, wie es kein Museumsdirektor wagen würde. Ein diabolischer Spaß, nicht zuletzt für die Ausstellungsmacher. Die Geisterbahnfahrt macht übrigens auch die Aufenthaltsdauer überschaubar: Nach 120 Sekunden ist der Spuk vorbei, länger als die Tour durchs Horrorhaus dürfte die Wartezeit davor sein. Doch die kann man – auch beim erneuten Schlangestehen – mithilfe etlicher Sturtevant-Bücher zu ästhetischen Reflexionen nutzen. Dazu, sich Gedanken über das Verhältnis von Kunst und Kirmes, E- und U-Kultur zu machen – und auch über die Frage, ob Sturtevants Absage ans Originalkunstwerk vielleicht nur ein neues Original hervorgebracht hat.
Sturtevant: The House of Horrors“ läuft bis zum 2. Februar 2014 im Sprengel-Museum am Kurt-Schwitters-Platz. Die Eröffnung und Verleihung des Kurt-Schwitters-Preises ist am Sonntag um 11.15 Uhr mit Ministerpräsident Stephan Weil, Sparkassenstiftungspräsident Thomas Mang und Museumsdirektor Ulrich Krempel.

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