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Kultur Lieder mit Goldfisch
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22:41 05.03.2015
Von Mathias Begalke
Foto: Die Band klingt so, wie sie aussieht: herrlich unmodern.
Die Band klingt so, wie sie aussieht: herrlich unmodern.  Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Worum es bei Element of Crime häufig geht, fasst Sven Regener zum Schluss zusammen: „Niemand ist gern allein mitten im Atlantik, diesmal mein Herz, diesmal fährst du mit“, singt er in der Zugabe „Vier Stunden vor Elbe 1“. 24 Jahre alt zählt das Lied zu den Erkennungsmelodien der Berliner Band. Schlagzeuger Richard Pappik spielt dabei Mundharmonika. Ihr heller, sehnsuchtsvoller Ton schallt bis zum Horizont. Das stellt man sich zumindest so vor, hier, in der früheren Stadionsporthalle von Hannover, trotz der vier Wände um sich herum.

Die Menschen, über die Regener berichtet, trifft man in jedem Baumarkt und in jeder Kreissparkasse. Denn es sind ganz gewöhnliche Menschen, die die Hoffnung nie aufgegeben haben, dass die Liebe irgendwann ohne Schmerzen und Elend kommt. „Scheiß doch auf die Seemannsromantik, ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat“, knurrt der 54-Jährige. Es werden am heute Abend einige dieser romantisch veranlagten Trottel unter den Fans sein, denkt man sich. Und man staunt, dass es die Band auf ihrem aktuellen Album „Lieblingsfarben und Tiere“ wieder einmal geschafft hat, neue, andersfarbige Songs über das gleiche Thema zu erfinden: die Suche, das Warten und das Grübeln, welches manchmal in der genauso schlichten wie schrecklichen Erkenntnis mündet, dass zwei Menschen einfach nicht zueinander passen: „Immer da wo du bist bin ich nie“, spielt die Band auch. 

Die deutsche Band um Schriftsteller Sven Regener, Element of Crime, hat in der Swiss-Life-Hall gesungen. Eindrücke vom Konzert.

Seit 1991, seit „Damals hinterm Mond“, dem ersten von inzwischen neun deutschsprachigen Alben, singt Regener über die raue See der Liebe - heute, anders als am Anfang, auch mit ebenso ruppiger Stimme. Der Sound von Element of Crime lebt vom Kontrast zwischen der melancholischen Musik und Regeners unsentimentalem Gesang. Selbstmitleid ist nicht sein Ding. Sein Ding ist ein lakonisches Schade.

Schade, dass das Konzert so schnell vorüber geht. Denn die Band, die so klingt wie sie aussieht, und zwar herrlich unmodern, hilft beim Abbremsen. Will man das heutige Tempo mitgehen, muss man oft online sein. Doch nicht nur Regeners Romanfiguren wie der wundersame Herr Lehmann halten das nicht ständig aus. Und so geht es vielen. Also, was tun? Man kann sich selbstvergessen im Dreivierteltakt drehen bei „Kaffee und Karin“, man kann sich in Jakob Iljas perlende Country-Gitarre verlieben, man kann sich wegträumen, wenn Regener bei „Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafen ruhen“ zur Zirkus-Trompete greift. Und sein neuester Tipp: „Denk an Lieblingsfarben und Tiere, Dosenravioli und Buch, und einen Bildschirm mit Goldfisch, das ist für heute genug“, singt er. Einfach mal offline sein. Alles, was klingeln kann, abschalten.

Und die Sache mit dem Kummer? Da hilft nur „Delmenhorst“, der Hit. Man sollte sich nach einer Trennung an einen Ort maximaler Alltäglichkeit flüchten. Das kann überall sein, einzige Voraussetzung: An ihm dürfen keine gemeinsamen Erinnerungen kleben: „Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut, und wo zu sein, wo du nie warst.“ Glaubt man dem wundersamen Herrn Regener, dann scheint Delmenhorst ein idealer Platz zum Heulen und Loslassen zu sein, denn: „Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß.“

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