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Kultur Die Aussichten: vorwiegend heiter
Nachrichten Kultur Die Aussichten: vorwiegend heiter
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00:17 09.06.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Im Klangregen: die scheidende Intendantin Elisabeth Schweeger hat Freude an der Installation „Raindance“. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Dass die Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen eine haarige Angelegenheit werden würde, war durchaus geplant. Denn nach dem festlichen Eröffnungsakt mit Oberbürgermeister Stefan Schostok, der Intendantin Elisabeth Schweeger und dem als Festredner eingeladenen Museumsdirektor Martin Roth und vor der ersten Premiere der Festspiele gab es zwei Performances von Studenten des „Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz“ aus Berlin. Und eine davon, „Mein Fell“, choregrafiert von Steffi Semder, getanzt von Maria Walser, zielt ziemlich ins Archaische. Die Tänzerin tritt nackt im Herrenhäuser Garten auf. Sie hat sich Honig auf die Haut gestrichen und wälzt sich am Ende ihrer Performance in einem Feld aus Haaren, die die Studenten zuvor in diversen Berliner Friseursalons eingesammelt haben. Am Ende sieht die Tänzerin wie ein Yeti aus. Und sie bewegt sich auch so: voller Kraft, die mühsam gebändigt werden muss.

Impressionen der Kunstfestspiele Herrenhausen 2014 in Hannover.

Nächste Premieren

Am Sonnabend um 20 Uhr spielen Pianist Igor Levit & Friends Schostakowitsch. Am Montag gibt es ein Filmkonzert mit dem Buster-Keaton-Klassiker „The General“ und Musik vom Neuen Ensemble.

Es ist eine anstrengende Performance - vor allem für die Zuschauer. Denn einerseits fehlt die Musik zum Tanz, und andererseits vermag einen der Haartanz auch körperlich durchaus anzugreifen. Man kann sich beim Betrachten der Performance eines leichten Piks- und Kribbelgefühls jedenfalls kaum erwehren. Und es ist natürlich auch ein künstlerisches Risiko, sich nackt im Garten mit Honig als Behaarungscreme ein Fell zu ertanzen.

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Das Risiko, das Künstler eingehen - und das die Kulturpolitik oft scheut, war das große Thema der Eröffnungsrede von Martin Roth, der seit 2011 das renommierte Victoria and Albert Museum in London leitet und im Jahr 2000 für den Ausstellungsbereich der Expo in Hannover verantwortlich war. „Deutsche Kulturinstitutionen fahren gerne mit zwei Sicherheitsgurten gleichzeitig“, sagte Roth in seiner Eröffnungsrede, „man will wirklich gar nichts falsch machen; nicht das Publikum verärgern und nicht die Dienstherren.“

Leidenschaftlich plädiert Roth in schwäbelndem Tonfall für mehr Selbstbewusstein der Kulturschaffenden und der Kulturmanager: „Allein die Tatsache, dass wir alle geglaubt haben, die Sprache der Wirtschaft beherrschen zu müssen, damit wir ernst genommen werden, ist eine Verbeugung in die falsche Richtung“, sagte er.

Seine Rede zum Kulturbetrieb passt zum Motto der Kunstfestspiele, das in diesem Jahr schlicht „Verhältnisse“ heißt. „Es ist nicht nur der stetige Vorwurf, dass die Kultur über ihre Verhältnisse lebt, sondern auch die dauerhafte Sorge innerhalb der Kultur, dass man in der Verhältnismäßigkeit ersticken könnte“, sagte Roth und machte den Kulturschaffenden Mut: „Je länger ich Teil des Kulturbetriebes bin, umso mehr bin ich der Überzeugung, dass wir uns alle unterfordern. Wer hätte vor 40 Jahren geglaubt, dass so viele Menschen Kultur, Kunst, Wissenschaft als wesentlichen Bestandteil ihres Alltagslebens betrachten?“ Der Museumschef sprach von langen Schlangen vor der Tür und gefälschten Tickets, („was für eine Wertschätzung“) für die große David-Bowie-Ausstellung, die an seinem Victoria-and-Albert Museum zu sehen war, bevor sie nach Berlin kam. Er sprach von Theaterinszenierungen, die ausverkauft sind, bevor dafür geworben wird, und davon, dass „jede Scheune zwischen Friesland und Palermo“ ein eigenes Musikfestival beherbergt. Und was seinen eigenen Arbeitsbereich angeht, zeigte er sich sehr selbstbewusst: „Ausstellungen können das Land verändern.“ Was folgt daraus? Für Roth ist klar: mehr Wagnisse eingehen. „Wenn Kultur und Kunst so tief verankert und akzeptiert sind, weshalb sind wir dann nicht bereit, mehr Risiken zu tragen?“, fragte er.

Die Antwort darauf könnten auch die Kunstfestspiele Herrenhausen liefern. Die kleine Performance zur Eröffnung war ja durchaus ein Wagnis - und ein Risiko ging auch der Komponist Richard von Schoor ein. Denn der komponierte ein Stück, das Mozarts Requiem gewissermaßen einrahmt. Die Uraufführung von „Requiem“ in der Inszenierung von Christof Nel war die erste große Musiktheaterproduktion der Festspiele.

Viel leichter, viel luftiger als das szenische Konzert in der Galerie wirkt die Arbeit „Raindance“, von der die Besucher der Festspiele gewissermaßen empfangen werden. Der Künstler Paul Demarinis hat die Installation vor der Orangerie aufgebaut. Unter einem eher unspektakulären Dach steht man nicht im Trockenen, sondern im Regen. Denn von oben tropft das Wasser.

Soll das ein ironischer Kommentar zur Wettersituation von Kunstfestspielen im norddeutschen Raum sein? Eher nicht. Wer sich einen der bereitstehenden Schirme greift und sich mutig unter das Getröpfel stellt, merkt gleich, dass die Tropfen einen Rhythmus haben und - erstaunlich, erstaunlich - auch einen Klang. Verschiedene Wassermusiken sind hier zu hören. Die Schirmmembran verstärkt die Tropfenmusik noch: „Singing in the Rain“ und „Eine kleine Nachtmusik“ wird getröpfelt und etwas Rockiges, war das von Led Zeppelin? Egal. Die Kunstfreunde unterm Regenschirm lachen. Handelt es sich bei Kunst, die eine solche starke Wirkung hat, immer um Kitsch? Unsinn. Natürlich unterhält die Arbeit, aber das schmälert nicht ihren künstlerischen Wert.

Demarinis Arbeit verblüfft, und sie ist ein heiterer Auftakt zu den fünften - und letzten - von Elisabeth Schweeger geleiteten Kunstfestspielen. Dass diese Kunstfestspiele ihre letzten sind, machte Intendantin Schweeger in ihrer Eröffnungsrede deutlich. „

Wir gucken nicht zurück im Zorn“, sagte sie. Sie nutzte die Gelegenheit, sich von Hannover zu verabschieden und den Förderern der Festspiele sowie ihrem Team („Ihr seid großartig“) zu danken. Bei der Eröffnung der ersten von ihr geleiteten Festspiele zitierte sie im Jahr 2009 - um den Spielgedanken des Festivals besonders zu betonen - einen Satz von Karl Kraus: „Die Lage ist hoffnungslos, aber niemals ernst.“ In ihrer Abschiedsrede konnte sie den Satz nun umdrehen: „Die Lage ist ernst, aber niemals hoffnungslos.“ Immerhin.

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