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Kultur „Endstation Sehnsucht“ am Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur „Endstation Sehnsucht“ am Schauspiel Hannover
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06:15 03.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Schönheit verweht: Die grandiose Katja Gaudard als Blanche.
Schönheit verweht: Die grandiose Katja Gaudard als Blanche. Quelle: Ribbe
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Hannover

"Ich will keinen Realismus“, schreit Blanche, die schöne, verzweifelte, verlorene Blanche, ihrem früheren Verehrer Mitch ins Gesicht, „ich will Zauber“. Doch das geht nicht mehr. Der Zauber (auch der der Jugend) ist vorbei. Die Welt ist entzaubert, und auch Blanche wird niemanden mehr verzaubern, außer vielleicht sich selbst. Aber das wird ein böser Zauber sein.

Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“, uraufgeführt im Jahr 1947, kann ein gnadenlos kaltes Stück sein. Felicitas Brucker hat es im Schauspiel Hannover inszeniert – nicht als schwüles Südstaaten-Drama, nicht als One-Woman-Show, sondern verblüffenderweise als ein Stück, das ganz von heute ist und sehr ernst und eindringlich nach dem Wert des Menschen fragt.

Man kann die Geschichte der schon etwas verblühten Südstaatenschönheit Blanche, die beruflich und privat gescheitert bei ihrer Schwester Stella unterkommt und dort auf den vitalen und brutalen Stanley Kowalski trifft, gut als überhitztes Kammerspiel inszenieren. So wird das auch oft gemacht: als dampfendes Schauspielertheater. Wenn man die richtigen Darsteller hat, kann das sehr schön sein.

Es kann aber auch mehr sein. Das zeigt Felicitas Bruckers Schauspielhaus-Inszenierung. Die Regisseurin hat zwar hervorragende Schauspieler (etwa Katja Gaudard als von Pose zu Pose huschende Blanche oder Elisabeth Hoppe als bodenständige, starke Stella oder Mathias Max Herrmann als ölig-verzweifelten Mitch), aber Schauspielertheater allein reicht ihr nicht. Sie will, dass das Stück mehr ist als eine gute Spielvorlage, mehr als nur ein Entfaltungsraum für darstellerische Virtuosität. Und das gelingt ihr auch. Denn Tennessee Williams’ mehr als sechzig Jahre alter Text liefert all das, was sie von ihm verlangt. Bei Brucker wird das Stück politisch aufgeladen. Sie hat herausgearbeitet, dass Williams vom Wert des Menschen und von der Ökonomie der Beziehungen erzählt.

Felicitas Brucker hat „Endstation Sehnsucht“ am Schauspiel Hannover inszeniert – nicht als schwüles Südstaaten-Drama, nicht als One-Woman-Show, sondern verblüffenderweise als ein Stück, das ganz von heute ist und sehr ernst und eindringlich nach dem Wert des Menschen fragt.

Ihr Trick: Sie öffnet das Stück zur Außenwelt. Einmal, beim Auftritt eines Zeitungsjungen, der sich nicht von Blanche verführen lässt, wird das ganz anschaulich: die Rückwand des Bühnenkastens mit der Wohnküche der Kowalskis (Bühne: Steffi Wurster) klappt nach hinten auf und gibt den Blick auf eine Straße frei.

Die Straße, die am Anfang in voller Breite zu sehen ist (bevor der beengte Wohnraum der Kowalskis aus der Unterbühne hochgefahren wird) spielt eine wichtige Rolle in der Inszenierung. Sie ist ständig präsent: als Angstraum – Blanche ist kurz davor, auf der Straße zu landen – und als Klangraum. Der Soundkünstler Arvild J. Baud bringt den Lärm der Straße als Klangkunst ins Spiel. Am Ende ist wie ein Alarmruf das stete Klingeln von Straßenbahnen (die Endstation der Linie heißt Sehnsucht) zu hören. Der Soundkünstler sorgt für erstaunliche Hörerlebnisse. Manchmal singt er auch. Verzerrt und wie von fern sind Textzeilen aus dem amerikanischen Original zu hören.

Die Aufführung dauert mit einer Pause gut zweieinhalb Stunden – und sie ist an keiner Stelle langweilig. Großes, packendes Schauspielertheater gibt es auch. Katja Gaudard ist eine sensationelle Blanche. Sie zeigt die Heldin als Schmerzensfrau: Um ihren Mund ist ein harter Zug, ihre Beine sind voller blauer Flecke. In furiosem Tempo wechselt sie die Haltungen: Sie ist püppchenhaft und intellektuell, Grande Dame und kleines Mädchen, Kämpferin und Geschlagene. Und manchmal alles zusammen, und immer haltlos und verloren. Elisabeth Hoppe als Stella ist ihr eine ebenbürtige Partnerin; nur Daniel Nerlich als Kowalski wirkt etwas blass. Was aber gar nicht weiter stört.

Dem Intendanten Lars Ole Walburg ist ein starker Spielzeitauftakt geglückt. Nach Stockmanns „Tod und Wiederauferstehung ...“ ist dies die zweite Produktion, die man unbedingt gesehen haben muss.

Wieder am Sonnabend, 6. und Freitag, 12. Oktober. Karten: (0511) 99991111