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Kultur Eric Clapton veröffentlicht neues Cover-Album
Nachrichten Kultur Eric Clapton veröffentlicht neues Cover-Album
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00:16 24.03.2013
Von Uwe Janssen
Grundlagenforschung: Eric Clapton, heute 67, spürt auf "Old Sock" der Musik nach, die ihn einst inspirierte.
Grundlagenforschung: Eric Clapton, heute 67, spürt auf "Old Sock" der Musik nach, die ihn einst inspirierte. Quelle: dpa
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Der alte Mann mit dem Strohhut könnte Kleingärtner sein. Aber da sind Palmen im Hintergrund. Vielleicht ein Kreuzfahrtlandgang, auf dem er sich selbst fotografiert hat, von schräg unten, so dass der Hut das halbe Gesicht abschattet. Die andere Hälfte ist unrasiert und hat eine ins Rosa spielende Farbe, was an Faulheit im Umgang mit der Sonnenmilch oder mit Photoshop liegen kann. Vielleicht ist es ganz gut, dass er nicht mehr von sich fotografiert hat, denn er sieht obenrum so aus, als wenn untenrum blasse Storchenbeine in weißen Tennissocken in geschnallten Sandalen stecken. Aber: Er sieht zufrieden aus. Sehr zufrieden.

So einen Hut kennt man allerdings nicht nur von Touristen, sondern auch auf Archäologenköpfen. Und da wird die Sache schon stimmiger. Denn der Mann heißt Eric Clapton, ist im Hauptberuf Gitarrengott, aber irgendwie auch Archäologe. Gerade hat der 67-Jährige wieder in der Musikhistorie gegraben, ein paar schöne Fundstücke mitgebracht und sie unter dem schönen CD-Titel „Old Sock“ zusammengefasst.

Den Forscherdrang hat der Brite schon länger. Im Blues hat er gegraben in den vergangenen zwei Jahrzehnten, ganz tief. Mitte der Neunziger, direkt nach seinem erfolgreichen, flauschigen „Unplugged“-Album, verstörte er das Formatradiopublikum mit „From the Cradle“, Coverversionen alter Bluesnummern. Er setzte Robert Johnson ein musikalisches Denkmal, ging mit B. B. King und J. J. Cale ins Studio, das war gelegentlich spannend, oft aber auch langweilig.

Und kam er dann zwischendurch mit Popsongs wie auf „Reptile“, fühlten sich die alten oder gerade hinzugewonnenen Puristen wiederum vor den Kopf gestoßen. Aber es sind auch mindestens schon zwei Jahrzehnte, in denen Clapton darauf pfeift, was die Leute denken oder wollen. Fast scheint es, als wolle er seine musikalische Sozialisation durchdringen und sich die offenen Fragen selbst beantworten. Spielend, sozusagen.

Auf diesem Weg hat er nun die nächste Stufe erreicht. Nachdem er die Grundlagen seines Gitarrenspiels erkundet hat, gibt „EC“ einen Einblick in seinen persönlichen Plattenschrank. Welche Songs haben Eric Clapton bewegt, inspiriert, geleitet? Die Antwort liefert „Old Sock“. Der Blues ist auch wieder dabei, aber diesmal zugänglicher, ohne den Drang, den alten Helden partout gerecht zu werden. Er versucht die Songs auf seine Weise zu interpretieren, die ganz wenig mit Archäologie zu tun haben und ganz viel mit Slowhand.

Ein Song wie „Goodnight Irene“, den Bluesmann Leadbelly in den dreißiger Jahren gespielt hat, wird unter Claptons Fingern zu einem launigen Folkschunkler. „The Folks Who Live On The Hill“ kennt man am ehesten von Peggy Lee aus den Fünfzigern, vielleicht aber auch gar nicht. Clapton verlegt das Stück atmosphärisch in eine verrauchte Jazzbar, nachts um vier. Peter Toshs „Till Your Well Runs Dry“ kommt als eine Art Bluesreggae daher.

Und da Clapton nicht nur ein begnadeter Solist, sondern auch ein Mannschaftsspieler ist, kommen prominente Gäste dazu. Die Beatles sind in seiner  Einflussschneise zwar nicht vertreten. Für den Jazzstandard „All Of Me“ ist aber Paul McCartney mit Bass und Stimme ins Studio eingekehrt. J. J. Cale und Taj Mahal spielen bei ihren eigenen Songs „Angel“ und „Further On Down The Road“ mit. Soulröhre Chaka Khan ist auf dem groovigen „Gotta Get Over“ dabei, einem von zwei neuen Stücken.

Die größte Überraschung ist „Still Got The Blues“ des 2011 verstorbenen Gitarristen Gary Moore. Auch Moore hatte sich nach vielen Jahren Hardrock dem Blues zugewandt, mit dem viele alte Fans nicht viel anzufangen wussten. Dass sich nun Eric Clapton vor ihm verbeugt, wird Moore auf der Blueswolke sicherlich freuen. Clapton verdichtet das Stück zum Kammerjazz, ersetzt die schneidende Sologitarre durch heimelige Töne, und sein alter Kumpel Steve Winwood spielt eine feine Orgel dazu.

Es sind zwar wieder keine neuen Clapton-Songs, aber „Old Sock“ ist ein entspanntes, detailverliebtes und fantastisch warm aufgenommenes Album geworden, mit dem man dem alten Mann ein bisschen näherkommt. Wer noch näher ran will: vom 29. Mai bis 18. Juni ist Clapton auf großer Deutschland-Tour – unter anderem in Hamburg und Berlin.