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Kultur Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ im hannoverschen Schauspiel
Nachrichten Kultur Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ im hannoverschen Schauspiel
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18:54 21.11.2011
Von Jutta Rinas
Wenn gekocht wird, bleibt der Dackel (Katja Gaudard) draußen. Spaß im Papphaus haben Anton (Jakob Benkhofer), Pünktchen (Julia Schmalbrock) und der Nachbar (Christoph Müller).
Wenn gekocht wird, bleibt der Dackel (Katja Gaudard) draußen. Spaß im Papphaus haben Anton (Jakob Benkhofer), Pünktchen (Julia Schmalbrock) und der Nachbar (Christoph Müller). Quelle: Karwasz
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Hannover

Es dauert weniger als eine Minute, bis der heimliche Star des Abends im Großen Haus des hannoverschen Schauspiels zum ersten Mal zu besichtigen ist: einen felligen Bauch hat er, kohlschwarz umrandete Augen und Schlappohren. Sprechen kann er nicht – aber das ist in der gut zwei Stunden langen Premiere des neuen Familienstücks im Schauspiel Hannover ausnahmsweise einmal kein Nachteil. Denn der Dackel Piefke (grandios gespielt von Katja Gaudard) hat ein großartiges darstellerisches und komödiantisches Talent und eine Ausdruckskraft, die ihresgleichen sucht: Er ist ein Hund und zugleich der Held des Abends.

„Pünktchen und Anton“ hat Erich Kästner seinen Roman für Kinder genannt: Zwei seiner Hauptpersonen hebt der Schriftsteller damit schon im Titel hervor: Luise, Tochter aus reichem Hause, die alle nur Pünktchen nennen, weil sie als kleines Kind zunächst nicht wachsen wollte, und ihren Freund Anton, ein Armeleutekind.

Eine dritte Hauptfigur des Romans stellt die Schweizer Regisseurin Christina Rast den beiden Kindern in ihrer großartigen Inszenierung der Kästner-Vorlage von 1931 jetzt gleichberechtigt zur Seite. Der Dackel Piefke versteht alles, alles kann man mit ihm besprechen, so denkt es zumindest sein Frauchen Pünktchen. Und weil Erich Kästner ein Autor ist, der die Gedankenwelt seiner kindlichen Figuren ernst nimmt, gibt er Piefke in seinem Roman eine stumme, aber vielsagende Rolle. Er beschreibt oft ganz genau, was der Dackel macht, wenn die Menschen handeln – wie er zusammenzuckt, wenn jemand brüllt, wie er mit leidet, wenn jemand traurig ist, und wie er manchmal, wie Pünktchen auch, die Welt der Erwachsenen nicht mehr versteht. Er ist Pünktchens Spielgefährte, ihr Ansprechpartner, wenn sie Sorgen hat.

Christina Rast geht in ihrer Inszenierung noch einen Schritt weiter: Sie lässt den Dackel mit Sonnenbrille Pünktchens Kinderfräulein Andacht (Friederike Pöschel) nachahmen, wenn diese als Blinde mit Pünktchen wieder mal betteln geht, um Geld für ihren Verlobten Robert (Dominik Maringer) heranzuschaffen. Christina Rast lässt Piefke lasziv wie Pünktchens Mutter Zigaretten rauchen oder todtraurig verfolgen, wie schlecht es dem überforderten Anton geht. Sie schafft eine ständig auf der Bühne präsente Figur, in der sich alle anderen spiegeln, eine Art modernen Narren, der ohne Worte mehr sagt als mancher andere.

Piefkes neue Rolle ist nur einer von vielen wunderbaren Einfällen. Christina Rast hat die Geschichte der beiden einsamen Kinder, die sich nachts in Berlin beim Betteln anfreunden und nach vielen Turbulenzen einen Einbruch verhindern, behutsam modernisiert: Aus Antons kranker Mutter hat sie einen alleinerziehenden Vater gemacht. Rast lässt den Erzähler aus Kästners Roman weg, der dort in seinen „Nachdenkereien“ das Handeln seiner Figuren erläutert. Dafür macht sie aus Nebenszenen wie dem Kapitel, in dem Anton von einem italienischen Friseur die Haare geschnitten bekommt, oder einem erfundenen Streit zwischen Fräulein Andacht und der dicken Berta (herrlich normal: Eva Brunner) kabarettistische Höhepunkte mit Slapstickeinlagen und grotesk schrägem Gesang.

Eine der Stärken ihrer Inszenierung ist zudem, dass sie nicht nur die großen Rollen, sondern selbst kleinste Nebenfiguren mit Tiefenschärfe versieht. Julia Schmalbrock und Jakob Benkhofer überzeugen als herrlich neunmalkluges Pünktchen und grundehrlicher, manchmal am Leben verzweifelnder Anton. Christoph Müller ist ein eindrucksvoller Direktor Pogge. Und dass Frau Pogge im braungoldenen Abendkleid und der obercoole Punker Gottfried Klepperbein von ein und derselben Schauspielerin (großartig: Katja Uffelmann) gespielt werden, mag man kaum glauben, so grundverschieden werden sie dargestellt.

Immer wieder nimmt Christina Rast mit ihrer Schwester, der Bühnenbildnerin Franziska Rast, den Schriftsteller Erich Kästner beim Wort – und heraus kommt keine Literatur, sondern wunderbares Theater, das feinsinnig und klug mit seinen Möglichkeiten spielt.

In der Rezeptionsgeschichte von „Pünktchen und Anton“ wird beispielsweise immer wieder hervorgehoben, dass Erich Kästner einen realistischen Großstadtroman schrieb. Berühmt ist die Stelle, in der der Autor den Ort beschreibt, wo Pünktchen und Anton betteln gehen: die Weidendammer Brücke mit ihren Lichtreklamen an der Komischen Oper und am Admiralspalast.

In der Rast-Inszenierung sieht man Hannovers Nachtsilhouette als Filmsequenz auf einer Leinwand: mit dem Anzeiger-Hochhaus, der Marktkirche – und dem Standbild auf dem Ernst-August-Platz, dessen Reiter plötzlich spazieren geht. Gegen Ende der Inszenierung ist das hannoversche Premierenpublikum auf einmal Teil einer „Hamlet“-Inszenierung, die zur Farce wird, weil Herr Pogge die im Zuschauerraum sitzende Frau Pogge laut zu sich auf die Bühne zitiert. Die kongeniale, wunderbar atmosphärisch komponierte und ebenso wunderbar interpretierte Musik von Anton Bermann rundet einen großartigen Theaterabend ab. Applaus und Bravo-rufe.

Wieder am Dienstag und Mittwoch, am 27. und 30. November, sowie am 4., 6., 7. und 8. Dezember. Karten: 0511-99991111

21.11.2011
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