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Kultur Eröffnung der Theaterformen
Nachrichten Kultur Eröffnung der Theaterformen
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18:24 01.06.2012
Von Stefan Arndt
Einfache Zukunft? Braunschweig ist schon bei Futur II.
Einfache Zukunft? Braunschweig ist schon bei Futur II. Quelle: Staatstheater Braunschweig
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Braunschweig

Dies also ist unsere Welt im Kleinen: ältere Menschen in Beige, eine Handvoll Kinder mit stolzen Eltern und vereinzelte Exoten, die Kopftuch tragen oder die Uniform eines Studentenkorps. Die 100 Menschen auf der großen Bühne des Staatstheaters Braunschweig repräsentieren die Bevölkerungsschichten ihrer Stadt. Ausgewählt wurden sie nach Vorgaben des örtlichen Melderegisters. 51 Prozent der Braunschweiger Einwohner sind weiblich - auf der Bühne stehen also 51 Frauen. Die statistische Verteilung von Alter und Familienstand, Staatsangehörigkeit und Wohnbezirk - alles spiegelt sich exakt in der Zusammensetzung der Gruppe auf der Bühne wider. „100 Prozent Braunschweig“ heißt das Stück der Theatergruppe Rimini Protokoll, die jetzt die diesjährige Ausgabe der Theaterformen in Braunschweig eröffnet hat. Mit solchem Volkstheater hat das Festival gute Erfahrungen gemacht. Eine „Perser“-Aufführung mit hunderten Laiendarstellern war vor vier Jahren am selben Ort ein Theaterereignis. Jetzt aber kommt es, wie es kommen muss in der Statistik: Selbst bei Maßarbeit steht am Ende nur Durchschnittliches.

Paradoxerweise ist gerade ein Stück, das auf die speziellen Gegebenheiten eines Ortes zugeschnitten scheint, besonders austauschbar. Die „100 Prozent“-Produktion ist eine der erfolgreichsten der erfolgreichen Theatermacher Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi, die sich hinter dem Namen Rimini Protokoll verbergen. Außer in Braunschweig ist sie allein in diesen Wochen noch in Karlsruhe, Melbourne und London zu sehen. Vorher wurde sie bereits in Berlin, Wien und Köln gespielt.

Vor zehn Jahren war das sogenannte Dokumentartheater, das Rimini Protokoll seit einiger Zeit auf die Bühnen des Landes brachten mit „Sonde Hannover“ zum ersten Mal bei den Theaterformen zu sehen. Zwei Jahre später folgte ebenfalls bei den Theaterformen „Brunswick Airport“ und „Sabenation“. Am Schauspiel Hannover ist derzeit noch Kaegis „Bodenprobe Kasachstan“ zu sehen. Allen Produktionen gemein waren wunderbare Darsteller, die eigentlich keine Darsteller waren, sondern echte Menschen, die von ihrem Leben und ihrer Arbeit erzählen. „Experten“ nennt man bei Rimini Protokoll daher solche Laienschauspieler. Dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion in ihren Theater-Lebensläufen manchmal verwischt, gehört zum Konzept. Die Bühne kennt ohnehin keinen Unterschied zwischen Wahrhaftigkeit und Authentizität. So wurde der banale Alltag bei Rimini Protokoll zur Kunst.

In „100 Prozent Braunschweig“ werden die einzelnen (Lebens-)Geschichten nun denkbar knapp gehalten. Es sind ja immerhin auch 100 Geschichten. Nur ein paar Sekunden hat daher ein jeder vor dem Mikrofon, das das Individuum blitzartig aus der Masse hervortreten lässt. Ein Schlipsträger blafft, eine Greisin lächelt, ein Kind sagt entwaffnend unbeholfen seinen Vers auf - dann schiebt die große Drehscheibe, auf der die Braunschweiger stehen, schon den Nebenmann ins Rampenlicht. Die viertelstündige Vorstellungsrunde ist der unterhaltsamste Teil des Abends, der seinerseits mit „Tatort“-Länge eine genormte Spieldauer einhält. Der große Rest ist eine überlange Fragestunde. Wer glaubt an ein Leben nach dem Tod? Wer hat in diesem Jahr schon geweint? Die 100 Menschen teilen sich in zwei Gruppen: jeweils eine, die die Frage mit „ja“ beantwortet und eine, die sie verneint.

Manchmal kratzen die Fragen im Schutz der Masse an vermeintliche Tabus: Ja, ich habe schon einmal daran gedacht, mich umzubringen, ja, ich habe schon einmal Gesetze gebrochen. Der Erkenntnisgewinn ist am Ende aber gering. Die Menschen sind auch in Braunschweig im Wesentlichen so, wie man es erwartet. Und ein Thema lässt sich ohnehin nicht im Kollektiv verhandeln. Die Liebe, die sonst nicht nur im Theater die Hauptrolle spielt, kommt an diesem Abend gar nicht vor. So bleibt das hundertfach belebte Statistik-Theater am Ende doch nur kaltes Zahlenwerk. Großer Applaus für alle Beteiligten im nur zu zwei Dritteln gefüllten Theater.

Noch einmal heute um 19.30 Uhr im Staatstheater Braunschweig. Die Theaterformen dauern bis zum 10. Juni. Karten und Programm unter Telefon (0531) 1234567.

Ronald Meyer-Arlt 01.06.2012
01.06.2012
Martina Sulner 01.06.2012