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Kultur Erotische Frauenliteratur verkauft sich gut
Nachrichten Kultur Erotische Frauenliteratur verkauft sich gut
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06:15 21.07.2012
Von Martina Sulner
Klassiker der erotischen Literatur: „Geschichte der O.“ – hier ein Foto aus der Verfilmung von 1984. Quelle: Archiv
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Hannover

Donnerwetter! Wenn Frauen von Männern träumen, geht es manchmal also rauer und fesselnder zu, als viele Leute annehmen. Die Aufregung um E. L. James’ Erotikroman „Shades of Grey“ zeigt vor allem, wie heftig Leser und Medien darauf reagieren, wenn eine Autorin eine sexuelle Erweckungsgeschichte der etwas anderen Art erzählt. In diesem Fall die der jungen Anastasia, die von dem Millionär Christian in die Liebe eingeführt wird - Fesselspiele und Schläge inklusive. Wenige Tage nach Erscheinen der deutschen Ausgabe führt der Roman die „Spiegel“-Bestellerliste im Taschenbuch an; der Münchener Goldmann Verlag, der den Titel in Deutschland auf den Markt gebracht hat, kalkuliert mit einer Druckauflage von 1,2 Millionen Exemplaren.

Jenseits dieses Erfolgs hat sich in Deutschland längst eine moderne erotische Frauenliteratur etabliert. Dafür stehen besonders die Titel des Berliner Verlags Anais, der zum Haus Schwarzkopf & Schwarzkopf gehört. Seit knapp vier Jahren ist der Verlag, so die Eigenwerbung, „der niveauvollen erotischen Belletristik verpflichtet“. Anais-Titel sind von Frauen für Frauen geschrieben. Als Zielgruppe, so eine Sprecherin, hat man Leserinnen zwischen 18 und 40 im Auge. Die Bücher sind auf diese Gruppe zugeschnitten. „Kurze Nächte“ von Anna Blumbach etwa handelt von einer jungen, alleinerziehenden Mutter, die nachts durch die Berliner Klubs zieht. Victoria B. Robinsons „Schanzen-Slam“ erzählt von drei Hamburgerinnen auf der Suche nach Männern, die sich nicht zu schade für den Abwasch sind und mit denen im Bett die Post abgeht. Außerdem hat der Verlag auch mehrere Geschichten über „devote Frauen“ im Programm.

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Von Auflagen wie bei „Shades of Grey“ sind diese Titel weit entfernt; die Verkaufszahlen liegen bei einigen Tausend Exemplaren. In dieser Größenordnung bewegen sich die meisten erotischen Frauenromane, die - wie auch E. L. James’ Bestseller - nicht gerade durch literarische Finesse auffallen. Sie sind solide bis simpel erzählt. Das gilt auch für zahlreiche Titel aus Claudia Gehrkes konkursbuch Verlag, wo schon seit den achtziger Jahren (lesbische) Erotikromane erscheinen.

Gemeinsam ist vielen Büchern, dass sie unverkrampft erzählt sind. Für die Befreiung der Sexualität müssen junge Autorinnen nicht mehr kämpfen. Ebenso wenig wie sie von moralischen Grenzen eingeengt sind, die manche Autorinnen der 68er-Generation noch unter Risiko überschreiten mussten. Höchstens geht es um Erwartungs- oder Leistungsdruck, den Frauen im Bett verspüren. Doch: Ein Schmuddelimage haftet den Romanen nicht an; dazu sind sie - selbst wenn es um Unterwerfungsspiele geht - zu geradlinig und selbstbewusst geschrieben.

Verschwiemelt und verschwitzt wirken da eher männliche Kritiker, die erstaunt sind, was Frauen so schreiben oder lesen. In unserer sexualisierten Gesellschaft, in der wir allenthalben mit Bildern (halb-)nackter Menschen konfrontiert sind, wirkt die Aufregung um Bücher wie Virginie Despentes „Fick mich“, Maria Svelands „Bitterfotze“ oder selbst Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ (verkaufte Auflage: 1,5 Millionen Exemplare) und „Schoßgebete“ (700.000) seltsam.

Letztlich leben viele erotische Frauenromane von einer ihnen innewohnenden Gegensätzlichkeit: Einerseits erzählen die Autorinnen locker von Sexualität, andererseits ist das oft eingebettet in eine Aschenputtel-Geschichte. „Shades of Grey“ ist dafür ein Paradebeispiel: Die junge, arme Anastasia wird von dem schönen, reichen Christian entdeckt. Claudia Hanssen, Sprecherin des Goldmann Verlags, beschreibt den Roman deshalb auch als „Pretty Woman mit etwas Erotik“.

Die „typische Traumprinzennummer“ nennt man das bei Anais, wo man jetzt eine stärkere Nachfrage nach Sadomaso-Titeln merkt, etwa bei der Neuerscheinung „Safeword“ von Nala Martin. Vielleicht, heißt es bei dem Berliner Verlag, helfe ja der Erfolg von „Shades of Grey“, Berührungsängste abzubauen.

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