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Kultur Erster Roman von Dea Loher
Nachrichten Kultur Erster Roman von Dea Loher
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19:45 11.04.2012
Von Martina Sulner
Autorin Dea Loher
Autorin Dea Loher Quelle: dpa
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Hannover

Ganz am Ende des Buches taucht das Auto tatsächlich auf: 72 Jahre nachdem der Wagen im Lago Maggiore versenkt und eineinhalb Jahre nachdem ein junger Mann von Jugendlichen getötet wurde - und gut 90 Jahre nach dem Selbstmord Rembrandt Bugattis. Der Bildhauer war ein Bruder des legendären Autokonstrukteurs Ettore Bugatti. In ihrem ersten Roman, „Bugatti taucht auf“, verknüpft Dea Loher diese wahren Ereignisse zu einer bewegenden Geschichte.

Loher, geboren 1964, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Dramatikerinnen. Mehrere ihrer Stücke, darunter „Fremdes Haus“ und „Adams Geist“, wurden in Hannover uraufgeführt. In ihren Dramen und auch in ihrem 2005 veröffentlichten Erzählungsband „Hundskopf“ geht es meist ernst zu. Schuld und Sühne, Tod und Trauer : Das sind Lohers Themen - auch in ihrem Romandebüt, das aus drei Teilen besteht.

Der erste Teil ist das fiktive Tagebuch Rembrandt Bugattis aus den Jahren 1913 bis 1916. Der Mann leidet unter Depressionen, und als Freunde von ihm bei einer Autofahrt einen Radfahrer töten, bekommt der Bildhauer einen schlimmen depressiven Schub.

Der Mittelteil schildert den Mord an dem jungen Luca, der in der Nacht des 1. Februar 2008 zu Tode geprügelt wird. Dea Loher versucht die Ereignisse akribisch zu rekonstruieren. Sie arrangiert Aussagen von Zeugen und der drei mutmaßlichen Täter - doch klarer wird der Fall durch die widersprüchlichen Behauptungen nicht: Der Tod des 22-Jährigen bleibt unbegreifbar und sinnlos.

Fast zwei Drittel des Romans erzählen dann von dem Taucher Jordi. Er hatte Luca einige Monate vor dessen Tod mal am Lago Maggiore getroffen und mit ihm über den auf dem Grund des Sees liegenden Bugatti gesprochen. Aus einem diffusen Bedürfnis nach Sühne beschließt Jordi, den Wagen zu bergen - und Luca, den er nur flüchtig kannte, zu widmen.

Lohers Roman orientiert sich an Tatsachen, sowohl beim Werdegang Rembrandt Bugattis als auch beim Tod Lucas’. Der junge Mann hieß in Wirklichkeit Damiano Tamagni; die Internetseite www.damianotamagni.ch gibt über ihn und die Bergung des Autos Auskunft.Dea Loher erzählt in einer spröden, zurückgenommenen Sprache und wirft einen eher distanzierten Blick auf die Ereignisse. Der Leser hat viele Leerstellen zu füllen, doch gerade das macht den Reiz des Romans aus. Rembrandt, Luca und Jordi werden dem Leser sympathisch, doch bleiben sie einem auch fremd, denn die Autorin offenbart nur wenig vom Innenleben der Charaktere, deutet mit Einsprengseln oder knappen Rückblenden (Familien)Geschichten nur an.

Dieses Verfahren kennt man auch von Lohers Dramen, wie überhaupt „Bugatti taucht auf“ eher szenisch als episch angelegt ist. In dem Roman entwirft die Autorin eindrückliche Szenen und verschrobene Figuren und schreibt lebensechte Dialoge. Beim Lesen hört man die Figuren förmlich sprechen. Ein starkes Buch. Man darf sich auf den zweiten Loher-Roman freuen.

Dea Loher: „Bugatti taucht auf“. Wallstein Verlag. 207 Seiten, 19,90 Euro.