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Kultur Erstmals alle Kleist-Dramen auf der Bühne
Nachrichten Kultur Erstmals alle Kleist-Dramen auf der Bühne
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18:17 02.11.2011
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Berlin/Stuttgart

Heinrich von Kleist zählt zu den wichtigsten Klassikern der deutschen Literatur. Mit seinem radikalen Werk gilt er bis heute als Vorreiter der Moderne. Zum 200. Todestag des geheimnisumwitterten Dichters bringt das Maxim Gorki Theater in Berlin jetzt erstmals sein gesamtes dramatisches Werk auf die Bühne.

Beim Kleist-Festival sind von Freitag an bis zum 21. November alle acht Stücke zu sehen. Dazu gibt es ein umfangreiches Programm mit Lesungen, Kunst-, Musik- und Diskussionsveranstaltungen. "Kleist ist in seinem Leben und Werk ein Autor der Krise", sagte Intendant Armin Petras der Nachrichtenagentur dpa. "Als jemand, der die Krise beschreibt, kann er uns helfen, den Blick für unsere gegenwärtigen Krisen zu schärfen."

Seit zwei Jahren plant Petras mit seinem Haus das Mammutprojekt. Das gesamte Gelände um und unter dem einst von Schinkel entworfenen ehrwürdigen Bau wurde in eine "Kleistwelt" verwandelt. Besucher sollen dort kostenlos Zugang zur Gedankenwelt des Dichters finden, ehe sie sich für bestimmte Programmangebote entscheiden. "Wir wollen das Gorki Theater für zwei Wochen zu einem Kleist-Theater machen", sagte Kurator Arved Schultze.
So entwarf das Künstler-Duo Hoefner & Sachs in Anlehnung an den Prinzen von Homburg für den Garten ein "Homburger Labyrinth". Eine im Hof aufgebaute mittelalterliche Burg erinnert als zentraler Veranstaltungsraum an die Festung des Junkers von Tronka aus "Michael Kohlhaas".
Eröffnet wird das Festival gleich mit einem Highlight: Am Freitag stellt Regisseur Jan Bosse "Das Käthchen von Heilbronn" in einer Neuinszenierung mit Anne Müller und Joachim Meyerhoff vor. In dem Märchenspiel um einen Mann zwischen zwei Frauen komme die ganze Komplexität der Kleistschen Sinn- und Glückssuche zum Ausdruck, so Bosse. "Es ist wie eine Collage aus allen seinen Stücken - auch den damals noch gar nicht geschriebenen."
Die Münchner Kammerspiele steuern mit "Der Krieg" und "Die Hermannsschlacht" gleich zwei Gastspiele bei. In Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Dresden kommt "Das Erdbeben in Chili" auf die Bühne. Und zum Abschluss steht Kleists 1803 zunächst anonym erschienenes Erstlingswerk "Die Familie Schroffenstein" als Premiere auf dem Programm.
Der Künstler Paul Plamper setzt Kleist mit einem Hörspiel-Parcours am Kleinen Wannsee ein akustisches Denkmal. Dort hatte sich der schwermütige Dichter am 21. November vor 200 Jahren gemeinsam mit seiner krebskranken Gefährtin Henriette Vogel erschossen – der wohl berühmteste Selbstmord der deutschen Literaturgeschichte.
Unterdessen versetzt das Alte Schauspielhaus in Stuttgart Kleists "Michael Kohlhaas" in die Gegenwart. Darf ein Mensch Widerstand gegen den Staat leisten und welchen Stellenwert haben Bürgerprotest und ziviler Ungehorsam heute? Diesen Fragen widmet sich an diesem Donnerstag die Uraufführung "Kohlhaas 21". Dabei verbindet das Haus Kleists Novelle mit aktuellen Streitthemen wie dem Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 und den Castor-Transporten.
Volkmar Kamm inszeniert die Geschichte des Rebellen Kohlhaas in einer Welt von Demonstrationen und Untersuchungskommissionen. Kohlhaas sei ein "Paradebeispiel für einen Menschen, der sich sein Recht gegen jegliche Willkür verschaffen will und sich am Ende selbst schuldig macht".

dpa

02.11.2011
02.11.2011