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Kultur Da steckt doch der Wurm drin ...
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19:43 19.03.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Ist das das neue VW-Nutzfahrzeug? Erwin Wurms Vorschlag ist zumindest spektakulär. Quelle: Marek Kruszewski
Wolfsburg

Die Frontscheibe ist zersplittert, das Dach eingedrückt. Keine Frage: Dieser Benz sah schon mal besser aus. Auch wenn er sich so demoliert im Kunstmuseum Wolfsburg gar nicht schlecht macht. Immerhin ist er hier vom Serienmodell der E-Klasse in den Rang des Kunstunikats erhoben - zusammen mit der kugeligen Skulptur eines Riesen, der, die Füße durch die Ärmel seines Pullovers gestreckt und den Kopf im V-Ausschnitt versteckt, aufs Autodach gestürzt scheint. „Big Psycho Ten“ heißt die Installation. Ein Statement gegen automobilen Größenwahn - ausgerechnet in der Autostadt? Und vorsichtshalber exekutiert an einem Produkt aus Sindelfingen?

Sicher ist nur, dass dieses Werk von Erwin Wurm stammt. Und damit seinen Regeln folgt: Nichts ist, wie es scheint. Alles ist deformiert. Und nirgends lässt sich ein Wesen hinter den Erscheinungen entdecken. So ist es stets bei den Arbeiten des österreichischen Künstlers. Der im Umgang mit seinen Kunstobjekten, aber auch mit deren Betrachtern vermeintlich Festgefügtes in Bewegung versetzt, der Zeit und Raum zerdehnen oder verdichten scheint. Und mit seinen Performance-Acts den Begriff der Skulptur neu definiert. So ist es auch in der Ausstellung „Fichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg zu beobachten, der ersten, die unter dem neuen Direktor Ralf Beil eröffnet wird, und zugleich der wohl letzten Ausstellung, für die Impulse noch Beils 2014 verstorbener Vorgänger Markus Brüderlin gesetzt hat.

Der Bildhauer Erwin Wurm stellt in Wolfsburg seine aberwitzigen und grotesken Skulpturen aus.

Nichts ist, wie es scheint. So hat auch hier „Big Psycho“ keinen Sturz von der Decke hinter sich. Vielmehr waren ein 1,5-Tonnen-Gewicht und mehrere Vorschlaghammerschläge von Künstlerhand nötig, um den Benz in seinen aktuellen Zustand zu versetzen, bevor die 300-Kilo-Bronzeskulptur des selbstmörderischen Psychotikers dann daraufgesetzt wurde.

Dass Wurm in Wolfsburg auch vor der Deformation von VW-Produkten keine Scheu hat, ist schon vor dem Museum unübersehbar: Auf dem Hollerplatz steht ein alter VW-Bulli, der allerdings kein Retrovehikel ist. Denn der Künstler hat den Bus mit üppigen Kunststoffwülsten zum „fetten Würstelstand“ aufgepumpt, aus dem heraus die klassische VW-Currywurst verkauft wird. Spektakuläre Kunstinszenierungen sind die Spezialität des 60-Jährigen: Wurm hat schon ein Siedlungshäuschen auf die Black Box des Wiener Museums für Moderne Kunst gesetzt oder eine Segelyacht vom Dach des dortigen Hotels Daniel schippern lassen. Wurm-Fans, die von ihm schon den zum „Fat Car“ aufgeblasenen Porsche oder den sich in die Kurve legenden Renault kennen, kommen also auch in Wolfsburg auf ihre Kosten.

„Ich möchte Körper in andere Körper transformieren“, hat Wurm einmal gesagt. Und spielt, zur Freude seines Publikums, mit der Deformation von Statussymbolen. Er persifliert mit skulpturalen Mitteln, was kritische Essayisten vielleicht mit spitzer Feder aufspießen. Er nährt den Zweifel am Wesen der Erscheinungen, nicht zuletzt an der Intaktheit des menschlichen Subjekts. Seine größte Installation in Wolfsburg besteht aus gut einem Dutzend riesiger Nordmanntannen, die er zu Kegeln deformiert, indem er sie mit der Spitze nach unten von der Decke hängen lässt. „Fichte“ heißt die Ausstellung deshalb - und ein wenig wohl auch in Anspielung auf den gleichnamigen deutschen Philosophen des „absoluten Ich“, des aus eigenem Willen heraus handelnden souveränen Subjekts.

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Erwin Wurm: Fichte“. Bis zum 13. September im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Eröffnungsmatinee in Anwesenheit des Künstlers am 22. März um 11 Uhr.

Doch genau dort, wo man es vermuten könnte, präsentiert Erwin Wurm bloße Hüllen. Etwa mit der Installation „Tweed“ - einem leeren Mantel bedeckt bis über die Schulterstücke von einem umgestürzten Eimer. Oder mit Skulpturen wie „Disobediance“, Ungehorsam also, oder „Cajetan“, die statt Menschen nur deren statusbetonte textile Staffage präsentieren. Die bronzene Skulptur einer Wärmeflasche auf Beinen nennt Wurm „Mutter“. Und eine Arrangement von 18 teils eingelegten, teils frischen, stets aber aufrecht auf einem Sockel stehenden Gurken ist sein „Selbstporträt“.

Alles ist deformiert. Und nichts ist, wie es scheint: „Big Beat & Treat“, auf den ersten Blick zwei durch Schlag und Druck deformierte Tonquader - sind deren sorgsame Bronzeabgüsse. Ein Bild aus Wurms Fotoserie „Instructions On How To Be Politically Incorrect“ mit zwei dicken und um den Bauch herum besonders unförmigen Männern trägt den Titel „Two Ways of Carrying a Bomb“. „Kuhfladen“ sieht genauso aus - nur wächst noch ein Haus aus dem braunen Fladen heraus - und ist komplett aus Aluminium gefertigt. So sät Erwin Wurm seine Skepsis gegen Materialität, aber auch gegen Raum und Zeit: Das Inventar seines „Narrow House“, eines auf der Biennale 2011 erstmals gezeigten Modells seines steirischen Elternhauses, ist durchweg gestaucht. Ein Klo ist ganze elf, ein Doppelbett nur 45 Zentimeter breit - kleinbürgerliche wird hier als räumliche Enge sinnlich. Und in einer gläsernen Vitrine provoziert der Künstler mit dem kaum sichtbaren Werk „100 Jahre Staub“ auch noch Imaginationskraft und Zeitgefühl seiner Zuschauer.

Die mögen später am „Currybus“ die Wurst draußen mit den Wurstskulpturen drinnen vergleichen. Mit der Wurstskulptur in Wurms Installation „Hauptquartier“. Oder mit den beiden sehr sinnlich-konkret aneinanderlehnenden rosa Bockwürstchen, die Wurm gleichwohl „Abstract Sculptures“ nennt. Und sich noch eine Wurst genehmigen. Schließlich rühmt man die VW-Currywurst sogar in Wolfsburg als „Mercedes unter den Currywürsten“. Und das völlig undemoliert.

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