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Kultur Essays von Wilhelm Genazino
Nachrichten Kultur Essays von Wilhelm Genazino
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07:50 15.08.2012
Foto: 2004 erhielt der Schriftsteller Wilhelm Genazino den Georg-Büchner-Preis, jetzt hat er einen neuen Essay-Band veröffentlicht.
2004 erhielt der Schriftsteller Wilhelm Genazino den Georg-Büchner-Preis, jetzt hat er einen neuen Essay-Band veröffentlicht. Quelle: Arne Dedert
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Das hat sich jeder wohl schon mal gefragt: Wie kommt dieser herrenlose Schuh hier auf die Straße? Wie ging er verloren? Ob er gar verstoßen wurde, fragt Wilhelm Genazino eine Psychoanalytikerin und erfährt vom Akt der „Aussetzung“.

Schon kommt der Beobachter zum Zuge, der weniger nach Erklärungen sucht als nach Möglichkeiten. „Ich nehme an, dass der Mensch zu seinen Schuhen ein erzählerisches Verhältnis hat, in dem viele Widersprüche bis zur Selbstverstummung ausgetragen werden können“, überlegt Genazino. „Zuweilen werden Schuhe geopfert, weil der Schuhträger das Gefühl hat, dass diese zu viel von ihm wissen.“ Klar, sie kennen all seine Wege. Jetzt tritt der Erzähler hinzu, der sich an die ersten Sandalen der Kindheit erinnert - an das Glück des Besitzens und den Schmerz der Zerstörung. „Heute ist das Eindringen des Regens in meine Schuhe das Wiedereindringen meiner Kindheit in mich.“

Dieser typische Genazino-Satz voll melancholischer Innerlichkeit ist das Tor zu einem Band mit Texten des 69-Jährigen, des Autors der Abschaffel-Trilogie, von Romanen wie „Die Kassiererinnen“, „Ein Regenschirm für diesen Tag“ und „Mittelmäßiges Heimweh“. Es ist ein Buch dieses „unbändigen Komödianten mit der barmherzigen Seele“, wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 2004 die Verleihung des Georg-Büchner-Preises begründete.

In seiner Dankrede sagte Genazino damals, die „Aufmerksamkeit dem eigenen Ich gegenüber erfordere eine narzisstische Souveränität, die wir heute nicht mehr zustande bringen“. Er sprach davon, von einer „Schule der Besänftigung“ zu träumen, wie sie später in seinem Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ eine Rolle spielt. So finden der Zeitgenosse, der Beobachter, der Erzähler immer wieder zusammen. Eine Aufmerksamkeit dem eigenen Ich gegenüber ist durchaus vorhanden.

Im neuen Band „Idyllen in der Halbnatur“ beschreibt Genazino etwa die Hässlichkeit gigantischer Kreuzfahrtschiffe, die eher Mietskasernen ähneln, die Proportionen eines schönen Ozeandampfers missachtend. Im Ton eher der Plauderei als der Polemik zugeneigt, illustriert er mit Gedanken und Fakten die Welt. Kommentiert vom Beobachter, zeigen sich in den kleinen Geschichten Figuren und Stoffe für Romane.

Neben verlorenen Schuhen oder der „Bruchbudenhaftigkeit des Schönen“ behandelt Genazino im ersten der drei Teile des Buches das menschliche Sprechen als fortlaufenden Akt der Selbstbehinderung. Der zweite und umfangreichste beginnt mit den Bamberger Vorlesungen aus dem Jahr 2009, hier zum ersten Mal veröffentlicht. Es geht darin um eigenes Schreiben und die Lage der neuen Literatur in den siebziger Jahren, die Entstehung der Abschaffel-Romane, die Bedeutung erster Sätze, die Wirkung des komischen Erzählens oder um die jüngeren Romane.

„Der Beruf des Schriftstellers ist eine kryptische Bewegung voller Anfänge, Wiederholungen, Versagungen“, schreibt Genazino, „und den rätselhaften Pausen dazwischen, vor denen sich der Autor am meisten fürchtet, weil stets unbekannt bleibt, zu welchem Ergebnis eine Pause führt, wenn es ein Ergebnis überhaupt gibt.“

Derart eingeweiht kann der Leser sich als Vertrauter wähnen. Doch „Schriftsteller sind abwesend“, schreibt der Autor. „Was Klappentexte, Nachworte oder Rezensionen über sie mitteilen, bleibt hinter unserem Verlangen nach Aufklärung weit zurück.“

Hin und wieder verliert auch Genazino einen Schuh. Spielerisch. Manchmal legt er einen aus wie einen Köder. Es ist ein kurzweiliges Vergnügen, seinen Spuren zu folgen.

Wilhelm Genazino: „Idyllen in der Halbnatur“. Hanser. 240 Seiten,18,90 Euro.

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