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Kultur „Eszter Solymosi von Tiszaeszlár“ feiert Uraufführung in Hannover
Nachrichten Kultur „Eszter Solymosi von Tiszaeszlár“ feiert Uraufführung in Hannover
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08:07 20.09.2010
Von Kristian Teetz
Dorf im Regen: Der assimilierte Jude Moritz (Martin Vischer) trifft die Wiedergängerin der toten Eszter (Johanna Bantzer). Quelle: Katrin Ribbe

Wer mit der Aufklärung Licht verbindet, aufklarenden Himmel und Wärme, der merkt bald, dass an diesem Abend Antiaufklärung herrscht. Die Cumberlandsche Bühne des hannoverschen Schauspielhauses wird von Dämmerlicht beherrscht, fast unentwegt regnet es, kräftiges Licht spendet nur ab und an der Mond. Auf diesem ungarischen Bauernhof ist Kant allerhöchstens als Vorsilbe von Holz ein Begriff. Es regiert das geistige Mittelalter mit all seinen Vorurteilen.

So war das auch am 1. April 1882, als im ungarischen Dörfchen Tiszaeszlár die 14-jährige Eszter Solymosi verschwand. Zuletzt wurde sie in der Nähe der Synagoge gesehen. Das Urteil der Dorfbewohner steht schnell fest: Die Juden haben das Kind geschächtet, haben ihr Blut in zwei Schalen laufen lassen, denn ein Ritus, so die Behauptung, verpflichte die Juden, Christenblut zu trinken. Auf dem Bauernhof wird nun ein dörfliches Tribunal über die vier Angeklagten abgehalten. Diese Begebenheit ist als „Affäre von Tiszaeszlár“ in die Geschichtsbücher eingegangen.

Den historischen Stoff hat der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó nun mit nach Hannover gebracht. Am Freitag erlebte das Stück „Eszter Solymosi von Tiszaeszlár“, das im Wesentlichen auf einem Roman von Gyula Krúdy beruht, seine Uraufführung. Die Zuschauer sahen selten gewordenes realistisches Theater, gepaart mit viel Symbolik und einer Prise Phantastik.

Realistisch wirkt die Inszenierung vor allem wegen der Bühne. Márton Ágh, der auch die historischen Kostüme besorgte, hat einen richtigen kleinen Bauernhof aufgebaut. Ein weißes Bauernhaus steht da, reetgedeckt, drei Birken davor. Im echt erdigen Erdboden, der im Laufe des Abends durch den Regen immer matschiger und tiefer wird, liegen ein paar Kartoffeln. Ein Vogelhaus versteckt den Filmprojektor, der Szenen aus dem Haus per Video auf ein Leinwandlaken überträgt. Anachronismen soll es nicht geben in diesem Stück. Rechts vom Bauernhaus komplettiert ein kleiner Stall den Hof, die Vögel zwitschern. Die männlichen Juden, die in dem Stall auf ihr Verhör warten müssen, tragen lange Bärte und Hut. Die Bauern sehen aus wie Bauern, die Türen wie Türen. Dieser ganze Realismus wird nur durchbrochen, wenn die tote Eszter (mit zombiehafter Komik und geistreichem Ernst: Johanna Bantzer) als spukender Dämon – und manchmal auch als Dea ex Machina, die mal überraschend ein Messer ins Spiel bringt, mal zum Erzähler wird – erscheint.

Den historischen Stoff fächert Mundruczó, der es als Filmregisseur bis nach Cannes schaffte und seit 2003 auch fürs Theater inszeniert, intelligent auf. Dabei arbeitet er sehr stark mit Symbolen, ohne das Spiel zu überfrachten. Ein Beispiel: Moritz (Martin Vischer) verkörpert die Assimilation der Juden. Das Stück zeigt, wie er nach und nach den jüdischen Glauben seiner Eltern, der Hauptangeklagten Josef (Janko Kahle) und Leni (Hanna Scheibe), hinter sich lässt. Am Ende geht er erstmals ohne Kopfbedeckung an die frische Luft. Als er aber ins Haus zu seinen „neuen Christenfreunden“ – zum Gutsverwalter und zum Gerichtsbeamten – will, ist es abgeschlossen. Er teilt das Schicksal vieler europäischer Juden des 19. und 20. Jahrhunderts und sitzt nun zwischen den Stühlen.

In der historischen Wirklichkeit ist das Stück gut für die vier angeklagten Juden ausgegangen, sie wurden letztlich doch durch ein ordentliches Gericht freigesprochen. Dieses Ende ist Mundruczó aber nur ein paar vorgelesene Zeilen wert. In der Schlüsselszene des Stücks siegt noch einmal der Volkszorn: Der Gutsverwalter Geza Ónody (den der grandiose Aljoscha Stadelmann verkörpert) foltert die Juden, erzwingt ein Geständnis. Der die ganze Zeit um Fairness bemühte Gerichtsbeamte Péczely (Andreas Schlager) dagegen liegt krank danieder und kann nicht eingreifen. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Dass Mundruczó das Archaische und das Antiliberale in den Vordergrund stellt, kann auch als Fingerzeig an die Gegenwart verstanden werden. Denn wer sich die aktuelle Situation der Juden in Ungarn, aber auch von anderen Minderheiten in Europa vor Augen führt, wird erneut viel Misstrauen, Vorverurteilungen und fehlende Toleranz erkennen.

Solche Interpretationen zwingt Kornél Mundruczó dem Zuschauer aber nicht auf, auf der Bühne ist nur Historisches zu sehen. Der Bezug zur Gegenwart muss im Kopf entstehen. Das ist das Angenehme bei seiner Regie. Die Zuschauer dankten ihm und vor allem den Schauspielern mit lang anhaltendem Applaus.

Noch vom 22. bis 26. September. Karten unter (05 11) 99 99 11 11.

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