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Kultur Eugen Drewermann spricht über Luther
Nachrichten Kultur Eugen Drewermann spricht über Luther
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00:16 27.10.2017
Von Simon Benne
Eugen Drewermann in der Neustädter Kirche.
Eugen Drewermann in der Neustädter Kirche. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

 In Sandalen und Jacke steht er da auf den Altarstufen, der Mann, der "die Sprache des Glaubens mit der Sprache der Seele verknüpft", wie Pastorin Martina Trauschke als Gastgeberin sagt. In den Neunzigerjahren war der Theologe Eugen Drewermann der Gottseibeiuns konservativer Katholiken. Der Bestsellerautor geriet wegen seiner unorthodoxen Thesen mit der Amtskirche über Kreuz, wurde als Priester suspendiert und trat an seinem 65. Geburtstag schließlich aus der Kirche aus.

Jetzt spricht er vor 300 Besuchern in der Neustädter Kirche über die Reformation. In seinem aktuellen Buch "Luther wollte mehr" (Herder, 320 Seiten, 19,99 Euro), will er die Botschaft des Reformators neu entdecken: dass der Mensch vorbehaltlos von Gott angenommen ist. Von gestern sei Luther nicht; zumindest nicht, wenn man ihn zeitgemäß interpretiert: "Rechtfertigung ist das Kernproblem unserer Existenz", sagt der 77-Jährige: Wir Menschen alle würdennämlich  von Kapitalismus und Sozialdarwinismus gnadenlos zu Leistung angestachelt: "Es ist aber nicht möglich, die Grundlage des Lebens durch Leistung zu erschaffen", mahnt Drewermann.

Stattdessen brauche es Liebe und rechtes Gottvertrauen und Versöhnung. Jahrhunderte vor Erfindung der Psychoanalyse habe Luther den Menschen ins Herz gesehen - und erkannt: "Wir kommen von heute auf morgen nur durch die Nacht durch das Vertrauen auf eine unbedingte Vergebung." Drewermann ist gegen Ablasswesen und für die Bergpredigt, zitiert Niklas Luhmann und den Propheten Jeremia.

Eindringlich, fast hypnotisch redet er, wenn er seine Brücken schlägt zwischen Theologie und Tiefenpsychologie. Frei spricht er, ohne Manuskript, und doch druckreif. Er lächelt an diesem Abend nicht ein einziges Mal. Viel ist von der Seelenangst der Menschen die Rede. Es geht um die "Glaubwürdigkeit der Existenz", um "Stätten der Geborgenheit", um "Verwandlung des Menschen". Eigentlich sagt er nichts, was man nicht auch sonst auf Kirchenkanzeln beider Konfessionen hört. Er sagt es nur salbungsvoller.

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