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Kultur Euphorie beim Wacken Open Air
Nachrichten Kultur Euphorie beim Wacken Open Air
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06:15 08.08.2012
Und die Frisur hält: James McIlroy, Gitarrist der englischen Band Cradle of Filth. Quelle: dpa
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Wacken

Irgendwann ist es dann auch egal. Mit beherzten Schritten waten die Metal-Fans über die aufgeweichten Campingplätze und die moddrigen Wege hin zum riesigen Schlammfeld vor der Bühne. Hauptsache nicht ausrutschen. Regen, immer wieder Regen. Sonnabend ist der letzte Tag des Wacken Open Air (W:O:A), des größten Heavy-Metal-Festivals der Welt. Schon seit Dienstag sind viele Fans hier in Norddeutschland, auf 240 Hektar Fläche tummeln sich laut Polizei rund 100000 Menschen: Fans, Crew und Sicherheitspersonal, die ständig zwischen Sonnenbrille und Regenponcho wechseln.

Das W:O:A ist im 23. Jahr seines Bestehens eine Marke, die sich gut verkauft. Im Dorf decken sich die Fans mit Wacken-Bier, Wacken-Einweg-Grills oder gar einem Wacken-Zelt ein. Am beliebtesten sind jedoch die T-Shirts. Schon bevor das Festival richtig losgegangen ist, ist fast jeder dritte Besucher in aktuelle Wacken-Mode gewandet. „Weil die keine anderen Metal-Shirts haben“, behauptet jemand an einem der vielen Bierstände. „Es sind ja kaum noch richtige Metal-Fans hier.“

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Zehntausende schwarzgekleidete Langhaarige und Musik mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets: Unter dem Motto „louder than hell“ feiern Hardrock-Fans das „Wacken Open Air“ – das größte Heavy-Metal-Festival der Welt.

Tatsächlich ist der Archetypus des langhaarigen Heavy-Metal-Fans kaum auszumachen, als die Rock-’n’-Roll-lastige Band Volbeat das Festivalgelände beschallt, und ebenso wenig, als vor der Biergartenbühne einige Studenten zu den Shantys von Santiano schunkeln.

Das Heavy-Metal-Open-Air könnte fast als schräges Volksfest durchgehen - immerhin tritt auch die örtliche Feuerwehrkapelle unter dem Namen Firefighters mehrfach auf. Aber so ganz massentauglich ist Wacken dann doch nicht. Dimmu Borgir, Black-Metal-Band aus Norwegen, fahren ein ganzes Orchester samt Dirigent und einem Chor in Mönchskutten auf. Die Musiker begleiten die höllischen Verse einer Band, die mit all den künstlichen Nebelschwaden und der Körperbemalung ihrer Mitglieder anmutet wie eine Kompanie Orks in „Herr der Ringe“.

Beim Schlagzeuggewitter der US-Thrasher von Machine Head dann bebt der schlammige Boden unter den Füßen der Fans, die das tun, was Sänger Robert Flynn lauthals von ihnen fordert: headbangen.

Wenig volkstümliche Stimmung verbreitet auch das minutenlange Drum-Solo, dem die Fans der englischen Alt-Metaller von Saxon lauschen. Sänger Peter Byford kündigt an: „Wenn wir eines Tages doch noch beschließen, in den Ruhestand zu gehen, dann spielen wir unser Einzigen, die Großes versprechen: Opeth aus Schweden kündigen der Menge, die im strömenden Regen vor der Bühne verharrt, eine 25-minütige Pfeifversion von „Wind of Change“ an - und überlassen die Interpretation des Scorpions-Songs dann doch der Band selbst.

Kurz vor Ende des Festivals sind die hannoverschen Hardrocker am Sonnabend einer der Headliner. Viele Besucher wollen die Chance nutzen, die Band bei ihrem, wie sie ankündigten, letzten Open-Air-Auftritt zu sehen. Mit Feuerwerk, Flammenfontänen und dem Song „Sting in the Tail“ begrüßen die Mannen um Sänger Klaus Meine die Festivalbesucher und die herbeigeeilten Dorfbewohner.

Routiniert ziehen sich die meisten Musikfans ihre Ponchos über, als es erneut zu regnen beginnt. Nur ein paar Rocker zeigen weiterhin Kutte und wippen wie Gitarrist Rudolf Schenker gebeugt nach links und rechts. Die meisten Besucher jedoch sehen mit ihren Regenkapuzen fast aus wie Sektenanhänger. „Are you ready to rock?“, kreischt Meine den Besuchern zu. Die Masse ist bereit und bekommt „Raised on Rock“ zu hören.

Auch den Solokünsten wird gehuldigt: Gitarrist Matthias Jabs hat seinen Auftritt im Rampenlicht ebenso wie Drummer James Kottak. Schenker nutzt die Pause und kommt für „Blackout“ mit Gesichtsmaske und Auspuff an der Gitarre zurück auf die Bühne.

Später dann wird es verrucht: Vier futuristisch gekleidete Amazonen schieben eine Skulptur der Bandmitglieder auf die Bühne, um diese anschließend anzüglich posierend mit Winkelschleifern zu bearbeiten. Als die Band dazustößt, räkeln sich die Damen um die Rocker herum und beginnen, scheinbar mit der Flex masturbierend, Funken aus ihrem Schritt schießen zu lassen. Nun ja. Mit einem donnernden „Rock You Like a Hurricane“ schließen die Scorpions später ihren Auftritt.

Als Neuerung für 2013 haben die Veranstalter gestern besseres Wetter versprochen. Und die Bands Anthrax, Nightwish, Sabaton, Arch Enemy, Doro, Amorphis, Lingua Mortis feat. Rage sowie Subway to Sally haben sich auch schon angekündigt.

Martina Sulner 05.08.2012
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