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Kultur Eva Rothschild bringt Poesie der Formen nach Hannover
Nachrichten Kultur Eva Rothschild bringt Poesie der Formen nach Hannover
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21:45 17.11.2011
Minimalismus trifft Mystik: Eine Ausstellung der irischen Bildhauerin Eva Rothschild im Kunstverein Hannover. Quelle: Decker
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Hannover

Hard Edge“ („Harte Kante“) heißt eine smarte Stilrichtung in der amerikanischen Malerei der fünfziger Jahre. Ihre Vertreter, darunter Ellsworth Kelly und Barnett Newman, setzten schablonenhafte geometrische Farbflächen kantig aneinander – als kühlen Kontrapunkt zum hochemotionalen abstrakten Expressionismus.

Scharfe Kante zeigt auch die 1971 geborene irische Künstlerin Eva Rothschild, allerdings mit Plastiken und geometrischen Einschreibungen im dreidimensionalen Raum. Die Bildhauerin, der der Kunstverein Hannover die erste große Einzelschau in Deutschland widmet, gehört zu den Neoformalisten, zu Künstlern vor allem aus Deutschland, Amerika und Großbritannien, die gegenwärtig mit Formen und Attitüden der abstrakten Moderne spielen.

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Doch nicht nur der Hard-Edge-Einfluss ist in den Werken der irischen Bildhauerin spürbar, sondern auch die „Soft Sculpture“, die weiche Skulptur aus organischen Materialien wie beispielsweise Leder. Rothschilds Ahnen sind also nicht nur die Vertreter des kantigen Minimalismus, sondern auch Künstler wie die großartige Eva Hesse (1936–1970). In ihrer Ausstellung in Hannover kontrastiert die irische Künstlerin kantige und fluffige Werke.

In ihrer raumgreifenden, schwarz glänzenden Skulptur „Natural Beauty“ (unser Bild), die 5,8 mal 5,8 Meter groß und 2,7 Meter hoch ist, verknüpft sie beide Ansätze. Es handelt sich um ein schematisches Gestänge, in das schlangenartig Leder eingeflochten ist.

Als Besucher wird man von der Plastik im Kunstverein regelrecht an die Wand gedrückt. Man empfindet die Bedrängung durch Kunst wahrscheinlich auch deswegen so stark, weil die Bildhauerin in den Räumen davor viel Luft lässt und Leichtigkeit verbreitet.

Den Höhepunkt der Ausstellung mit dem Titel „Hot Touch“ bilden acht grazile bildhauerische Werke im großen Oberlichtsaal des Kunstvereins: Man trifft auf schlanke Brancusi-Hommagen, Wölkchen auf Spinnenbeinen, Skulpturen, die an gestapelte Kürbisse denken lassen, oder eine moderne Adaption des Füllhornthemas in Gold und Schwarz.

Gibt es in der minimalistischen Skulptur noch Spielraum für Neues? Kaum. Und doch vermag Eva Rothschild mit ihren Kunstwerken zu überraschen. Insbesondere mit einem Werk, das magisch zu schweben scheint: Drei Knäuel aus farbigen Lederbändern scheinen in der Luft zu hängen. Die Enden des Ledergeflechts fallen wie Rapunzels Haar zu Boden. Mit der Arbeit habe sie „Präsenz“ und „Substanz“ vor Augen führen wollen, mit einfachsten Mitteln, sagte die Künstlerin gestern. Das ist ihr auch gelungen. Um wirklich mit ihr warm zu werden, ist Rothschild Kunst jedoch etwas zu cool.

Vor vierzig Jahren hätten solche Werke Titel wie „Experiment 5“ oder „Abstraktion Nr. 3“ getragen. Rothschild aber erfindet lieber bildhafte Titel. Man trifft auf „Little Ghost“, „Hot Touch“ oder „Sunrise“. Wenn ihr gar nichts einfällt, nennt sie Werke „Not Yet Titled“ – „Noch ohne Titel“. Da kann man sich dann selber etwas einfallen lassen.

Rothschild absolvierte ihr Kunststudium in Belfast und Glasgow. Einzelausstellungen hatte sie in der Tate Britain in London und in der Kunsthalle Zürich. Kunstvereinsdirektor René Zechlin beschreibt ihre Werke so: „Harter Minimalismus trifft auf magische Leichtigkeit.“ Zechlin sagte: „Ich halte Eva Rothschild für eine der herausragenden Vertreter einer formalen Richtung, die seit etwa zehn Jahren in der Kunst zu bemerken ist.“

Ein humorvolle Note steuert eine kleine Fotoserie bei, mit Hannoveranern, die sich im September auf Geheiß Rothschilds mit Schlangen fotografieren ließen: einer Königspython, einer Kornnatter, einer Boa und einer Milchschlange. Die Schlangenform findet man in Rothschilds Skulpturen gespiegelt. Womöglich drückt sich hier der geheime Wunsch der Künstlerin aus, das Publikum möge Schlange stehen?

Unterstützt wird die Schau, die vom Kunsthaus Baselland übernommen wird, vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie der Stiftung Niedersachsen. Die Landesförderung für Kunst und Kunstvermittlung nannte Zechlin einmalig. „Das gibt es nur in Niedersachsen. Es hat Vorbildcharakter“.

Kunstverein Hannover, bis 29. Januar 2012. Eröffnung am Freitag um 20 Uhr.

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