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Kultur Exilschriftsteller sieht nach Ai Weiweis Verhaftung Protestbewegung am Ende
Nachrichten Kultur Exilschriftsteller sieht nach Ai Weiweis Verhaftung Protestbewegung am Ende
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19:47 12.04.2011
Von Johanna Di Blasi
Ein Bild Ai Weiweis auf einer Berliner Hauswand – als Ausdruck der Solidarität.
Ein Bild Ai Weiweis auf einer Berliner Hauswand – als Ausdruck der Solidarität. Quelle: dpa
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Mit der Verhaftung des prominenten Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei sei „die Protestbewegung in China am Ende – jetzt ist Stille“, sagte am Dienstag der chinesische Schriftsteller und Dissident Bei Ling gegenüber HAZ. Es sei für sein Land der „dunkelste Moment seit 1989“. Der in Taiwan im Exil lebende Autor, der eine viel beachtete Biografie über den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo mit dem Titel „Der Freiheit geopfert“ verfasst hat, ist mit dem Künstler seit 25 Jahren befreundet. „Jetzt, da Ai Weiwei in Haft ist, kann jeder festgenommen werden, alle sind in Gefahr“, sagte der Autor, der im Jahr 2000 selbst von Sicherheitsbehörden festgenommen und inhaftiert worden war. Nach Protesten unter anderem von Susan Sontag und Günter Grass war er bald darauf freigelassen worden. Bei der Frankfurter Buchmesse 2009 gehörte Bei Ling zu den ein- und wieder ausgeladenen Rednern.

Zur Ausnahmestellung Ai Weiweis in China meint Bei Ling: „Ai Weiwei agierte nicht wie ein Einzelner, sondern wie eine ganze Bewegung.“ Mit einer baldigen Freilassung seines Freundes rechnet der Schriftsteller nicht. „Wenn jemand in den Augen des Regimes reif für den Kerker ist, kann es langwierig werden.“ Auch zehn Tage nach der Festnahme des Künstlers am 3. April gibt es keinerlei Angaben über dessen Verbleib. Stattdessen aber Meldungen über weitere Festnahmen: Nach Angaben der Schwester des Künstlers wurde auch Ai Weiweis Pekinger Studio-Partner Liu Zhenggang inhaftiert. Außerdem habe das Steueramt die Frau des „Wirtschaftsverbrechens“ verdächtigten Künstlers vorgeladen.

„Niemand steht über dem Gesetz“, erklärte Hong Lei, der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, am Dienstag in Peking. „Das chinesische Volk ist verblüfft, dass einige Länder und Personen einen verdächtigen Kriminellen zum Helden machen.“

Dass dem Künstler wirtschaftliche Vergehen vorgeworfen werden statt politische, verwundert viele Beobachter. Immerhin ist Ai Weiwei, der Regimekritik als eine Art Performancekunst betrieb, spätestens mit seiner wiederholten Kritik an den Behörden im Zusammenhang mit dem verheerenden Erdbeben 2008 in der Provinz Sichuan ins Visier der kommunistischen Machthaber geraten.

Ai Weiweis in Berlin und Peking ansässiger Galerist Alexander Ochs sagte am Dienstag gegenüber der HAZ, dass im Moment in Peking vieles im Fluss sei. Im chinesischen Parteiblatt „The Global Times“ sei am Montag die Frage aufgeworfen worden, ob es richtig sei, dem Künstler „Wirtschaftsverbrechen“ vorzuwerfen.

Kritisch sieht der Galerist, der gerade seinen Stand für die am Mittwoch beginnende Kunstmesse Art Cologne aufbaut, die in Deutschland entbrannte Debatte um Ai Weiwei und die kurz vor dessen Verhaftung in Peking eröffnete deutsche „Aufklärungs“-Schau. „Natürlich sind Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln, aber die deutschen Medien spielen momentan den einen gegen den anderen aus und sorgen für eine Eskalation, die der Verschärfung in Peking zuträglich ist.“

Zu der vom Dresdener Museumsdirektor Martin Roth, einem der drei Mitorganisatoren der Pekinger Schau, vorgebrachten Anmerkung, Ai Weiwei sei ein westlicher Medienliebling, ein „Popstar“, der „immer draufhaut“, meint der Galerist, der den documenta-Teilnehmer Ai Weiwei in Deutschland bekannt gemacht hat: „Ich frage Martin Roth, warum er Arbeiten des ‚Popstars‘ in seinem Haus zeigt und sich auf der anderen Seite nicht für den Künstler einsetzt.“

Der Dissident Bei Ling betrachtet die Eröffnung der von Deutschland finanzierten „Aufklärungs“-Ausstellung in Peking als Witz und die jetzige Aufregung in Deutschland als wenig hilfreich. „Der ganze Westen ist schwach. Er tut nie irgendetwas. Eigentlich sollten die drei Museumsdirektoren jetzt nach Peking fahren und in einer Pressekonferenz die Ausstellung zur Plattform für die Forderung nach der Freilassung Ai Weiweis erklären. Aber das werden sie nicht tun. Sie treten stattdessen selber wie Funktionäre auf. Es ist eine Schande für Deutschland.“

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