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Kultur Experte befürchtet weitere Zerstörungen in Mali
Nachrichten Kultur Experte befürchtet weitere Zerstörungen in Mali
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06:15 06.07.2012
Der Afrikanist Ari Awagana befürchtet weitere Zerstörungen in Mali. Quelle: HAZ
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Leipzig

HAZ-Autorin Johanna Di Blasi im Gespräch mit dem Leipziger Afrikanisten Ari Awagana.

Bewaffnete Islamisten der al-Quaida-nahen Ansar Dine zerstören seit Sonntag in Timbuktu historische Heiligengräber, die als Weltkulturerbe eingetragen sind. Was waren Ihre ersten Empfindungen, als Sie davon hörten?

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Es war Erschrecken darüber, dass in Timbuktu Kulturgüter zerstört wurden, die Vorzeigekulturgüter nicht nur in Mali, sondern in der gesamten Sahelregion waren. Ähnliche Architekturen findet man zwar auch in Nachbarländern, verschiedene Moscheen sind in dieser Form der Lehmbauweise errichtet. Insgesamt aber sind in Gesamtafrika nicht mehr viele historische Kulturgüter erhalten. Der Verlust ist sehr groß.

Auch zahlreiche Menschen sind umgekommen, die Lage in Mali erscheint dramatisch. Hat es Zerstörung von Kulturerbe auch schon in der Vergangenheit gegeben?

Es hat in der Region schon im 19. Jahrhundert Bewegungen gegeben, die eine Reform des Islam anstrebten und die Religion von naturreligiösen Elementen reinigen wollten. Solche puristischen Reformbewegungen ließen nur noch den Koran und die Hadithen gelten. Sie sind aber nicht mit der aktuellen Situation vergleichbar. Diese Wut und dieses Ausmaß an zerstörerischem Eifer – es soll alles abgerissen werden – sind neu.

Die Kämpfer geben religiöse Gründe dafür an, dass sie die Monumente zerhacken. Die Aktionen bewaffneter Männer aber scheinen nicht zuletzt eine politische Machtdemonstration zu sein, nachdem die Tuareg die Kontrolle über die Region verloren haben.

Die Tuareg haben in der Geschichte immer mal eine Rolle in der Region gespielt. Sie haben in verschiedenen mittelalterlichen Königreichen mitgemischt. Es hat aber nie einen großräumigen Tuareg-Staat gegeben. Momentan sind die Tuareg von der islamistischen Bewegung überlagert. Sie wurden überrascht und haben fast nichts mehr zu sagen. Die Islamisten wollen jetzt einen strengen Islam nicht nur in Mali, sondern auch in Nachbarländern einführen. Es ist ein Bedrohung für ganz Westafrika.

Haben Sie die Gefahr kommen sehen?

Es zeichnete sich seit Längerem ab, dass die islamistische Bewegung im Keimen ist. Auch in Nordnigeria gewannen Fundamentalisten, die Boko Haram, an Einfluss. Sie streben seit etwa zehn Jahren die Islamisierung ganz Nigerias an, propagieren einen puren Islam. Die AQMI-Leute, also die Anhänger von Al-Qaida au Maghreb islamique, sind vor allem Algerier. Sie sind nach dem algerischen Bürgerkrieg in den neunziger Jahre vertrieben worden und haben sich in Mali niedergelassen. Leider hatte die Regierung von Mali nicht die Möglichkeiten, sie zu vertreiben.

Im vorigen Jahr, als der Libyenkrieg zu Ende ging, sind viele Kämpfer aus Gaddafis-Armee nach Mali zurückgekehrt und haben sich mit extremistischen Bewegungen verbunden. Durch diese bewaffneten Neuankömmlinge waren die Fundamentalisten mit einem Mal viel stärker als die Nationalarmee von Mali. Der gewählte Präsident wurde inzwischen von der besiegten Armee weggeputscht.

Sind nun auch andere Kulturschätze der Region in Gefahr?

Zirka 150 Kilometer von Timbuktu entfernt, in Gao, gibt es bedeutende Königsgräber aus dem Mittelalter. Sie sind pyramidenförmig und bestehen wie die Heiligengräber von Timbuktu aus Lehm. Diese bedeutenden Kulturschätze sind jetzt auch in Gefahr.

Seit der Zerstörung der Bamiyan-Buddhas 2001 weiß man, dass Kulturerbe, das sich auf der Unesco-Schutzliste befindet, besonders gefährdet ist.

Richtig. Die Islamisten in Mali haben eine Erklärung abgegeben, dass sie die Monumente, gerade weil diese auf der Unesco-Weltkulturerbeliste stehen, so schnell wie möglich zerstören wollen. Sie wollen damit natürlich politisch ein Zeichen setzen. Sie sind geächtet, keiner will mit ihnen reden. Mit ihrer Aktion wollen sie Gespräche erzwingen. Wenn man die Kulturgüter erhalten möchte, werden die betroffenen Länder, aber auch westliche Vertreter mit ihnen verhandeln müssen.

Kultur wird als Geisel genommen?

Richtig. Das Signal lautet: Wenn ihr nicht mit uns verhandelt, zerstören wir alles. Im Westen ist die Region weitgehend unbekannt. Jetzt muss man handeln. Es wird sehr schwer sein, mit den Islamisten Lösungen zu finden, doch man muss etwas für die Region tun, muss Mali zu Hilfe kommen, und zwar ganz schnell.

03.07.2012
Rainer Wagner 03.07.2012
03.07.2012