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Kultur „Extrem laut und unglaublich nah“ verarbeitet 9/11
Nachrichten Kultur „Extrem laut und unglaublich nah“ verarbeitet 9/11
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23:22 16.02.2012
Von Stefan Stosch
Foto: Rückblende: Der Vater (Tom Hanks) mit Sohn Oskar (Thomas Horn).
Rückblende: Der Vater (Tom Hanks) mit Sohn Oskar (Thomas Horn). Quelle: Warner Bros.
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Berlin

Fünf Nachrichten sind auf dem Anrufbeantworter gespeichert, als Oskar an diesem Vormittag früher also sonst aus der Schule kommt. Sie stammen alle vom selben Anrufer: von Oskars Vater – aufs Band gesprochen am 11. September 2001 aus dem 105. Stock des World Trade Centers. Mit jedem Anruf wird der Ton des Vaters dringlicher, jedes Mal fragt er: „Bist du da?“

Tief ins amerikanische Trauma führt Stephen Daldrys Drama „Extrem laut und unglaublich nah“, das am Donnerstag in die Kinos kommt und einer von wenigen US-Wettbewerbsfilmen bei der gerade laufenden Berlinale ist. Der Film startete in Berlin außer Konkurrenz, genau wie Steven Soderberghs federleichter Actionfilm „Haywire“ (deutscher Start: 8. März). Der einzige echte US-Bären-Kandidat ist Billy Bob Thorntons Familiendrama „Jane Mansfield’s Car“, der anrührendere Film über ein von Kriegen gepeinigtes Amerika.

Regisseur Daldry („Billy Elliot“) hat Jonathan Safran Foers Roman verfilmt, eine der zentralen literarischen Auseinandersetzungen mit der Attacke auf Amerika. Foer wählte in seinem Buch – bis hinein ins Layout – einen spielerischen Ansatz. Bei ihm wird der Umweg zum Ziel. So viel Freiraum hat der Hollywood-Mainstream nicht: Bald schon findet der zwölfjährige Oskar in den Sachen des Vaters einen Schlüssel, dazu einen Umschlag mit der Aufschrift „Black“. Mit dem Vater unternahm Oskar Schnitzeljagden durch die Stadt. Nun will er noch einmal zu einer Expedition aufbrechen, um sich dem Vater nahe zu fühlen. Oskar (Thomas Horn) sucht die Person namens Black. Ein schwieriges Unterfangen: Im New Yorker Telefonbuch gibt es 472 Einträge unter Black.

Die Jagd nach dem Schlüsselbesitzer enthüllt Amerikas verletzte Seele, und Oskar lernt, mit seinem eigenen Schmerz umzugehen. In Rückblicken sehen wir die glücklichen Momente mit dem Vater (Tom Hanks) und in Oskars Gegenwart die Auseinandersetzungen mit der Mutter (Sandra Bullock). Dazu gesellt sich ein geheimnisvoll schweigender alter Mann (Max von Sydow).

In dem Drama „Extrem laut und unglaublich nah“ versucht der zehnjährige Oskar, das Geheimnis seines Vaters zu lösen, der am 11. September 2001 ums Leben kam.

Auch im Buch spielen all diese Themen eine gewichtige Rolle, aber sie werden nicht so kalkuliert abgearbeitet. Wenn einem aber beständig unter die Nase gerieben wird, dass man ergriffen sein soll, sträubt man sich irgendwann dagegen.

Auch Regisseur Billy Bob Thornton leistet Trauerarbeit: In „Jane Mansfield’s Car“ veranstaltet er im Umbruchjahr 1969 ein Familientreffen in Alabama. Patriarch Jim Caldwell wurde einst mit seinen drei Söhnen von seiner Frau wegen eines Briten verlassen. Nun ist seine Exfrau in England gestorben und will in heimischer Erde ruhen. Witwer Kingsley Bedford (John Hurt) reist mit seiner Familie an und stößt auf Jim (Robert Duvall) und dessen Sippschaft (darunter die drei Söhne: Kevin Bacon, Robert Patrick, Thornton selbst).

Genießerisch spielt der Regisseur mit den Animositäten zwischen den Beteiligten. Hippies und Kommunistenhasser, Unfallgaffer und Flugzeugfreaks begegnen sich. Aber dann stoßen die Männer auf etwas, das sie verbindet: Sie alle sind auf die eine oder andere Weise gezeichnet von den Kriegen des 20. Jahrhunderts – und gerade geht der Vietnamkrieg in seine heiße Phase. Melancholie schleicht sich ein in diesen unrunden, aber gerade dadurch originellen Film.

In Berlin ließ Thornton keinen Zweifel daran, dass sein Film im System Hollywood nicht zustande gekommen wäre. Ein russischer Geldgeber stieg ein. Und so kommt es, dass doch noch ein sehenswerter US-Film in Berlin angekommen ist – nachdem Berlinale-Wunschkandidaten wie Martin Scorseses „Hugo Cabret“ schon zuvor in unseren Kinos angelaufen sind.

Alleskönner Steven Soderbergh („Traffic“, „Erin Brockovich“, „Ocean’s Eleven“) kam am Mittwoch nach Berlin, um zu spielen: „Haywire“ ist ein Martial-Arts-Kunststück um die schlagkräftige US-Spezialagentin Mallory Kane (Gina Carano). Soderbergh lässt die Frau laufen, kämpfen, schießen. In einem bösen, aber sinnfreien Komplott dient sie als Lockvogel – letztlich auch dem Regisseur. Soderbergh testet an Kane, welche Grundelemente einen Rachethriller ausmachen. Im Hintergrund ziehen derweil ein paar Männer (Michael Fassbender, Ewan McGregor, Antonio Banderas, Michael Douglas) die Fäden, aus denen sich die Agentin befreien muss. Die eigentliche Show gehört Mallory Kane.

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