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Kultur F. W. Bernstein zeichnet in Hannover
Nachrichten Kultur F. W. Bernstein zeichnet in Hannover
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18:08 08.07.2012
Von Simon Benne
„Gritik, Gomik, Grafik“: F. W. Bernstein vorm Wilhelm-Busch-Museum. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Es muss eine denkwürdige Autofahrt gewesen sein. Ein paar Satiriker kamen Mitte der Sechziger von einer Tour nach Paris zurück. „Es herrschte Glatteis, und wir brauchten dringend Tiergedichte“, sagt F. W. Bernstein. Junge „Pardon“-Redakteure brauchten damals Tiergedichte wie andere Leute frische Socken. Der Kollege F. K. Waechter („Gott hab’ ihn selig“) habe damals im Wagen gesessen, erinnert sich Bernstein. Ebenso wie der Kollege Robert Gernhardt, der irgendwann die Worte „Der Habicht fraß die Wanderratte / nachdem er sie geschändet hatte“ ins Diktafon sprach. Und er selbst bekam Szenenapplaus für seinen Zweizeiler „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“.

Bernstein-Sprüche wie dieser haben einen Ehrenplatz im Schatzkästlein deutschen Humors; selten ist Lyrik nach Schiller volkstümlicher gewesen. Strenge Form und juxiger Inhalt, eine Mischung aus Tiefsinn und Leichtigkeit, dazu Zeichnungen, die mit wenigen Strichen zum Punkt kommen – so hat Bernstein den Stil der satirischen „Neuen Frankfurter Schule“ entscheidend mitgeprägt. Und er selbst ist darüber einer der Großen seiner Zunft geworden.

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„Komik ist ein kollektives Geschäft“, sagt der 74-Jährige bescheiden. Er sitzt im Hotel hinter seinem Frühstückstee und spricht leise. Ein älterer Herr mit beeindruckenden Augenbrauen, der einen mit Akkuratesse gestutzten Schnauzer zum Stoppelbart trägt. Der pensionierte schwäbische Kunstprofessor, der bürgerlich Fritz Weigle heißt und mit seiner Frau in Berlin lebt, ist zurückhaltend, höflich und auf gesetzte Art weise. Im Grunde ist er das genaue Gegenteil seiner Zeichnungen. Deren frecher, anarchischer Witz hatte einst Anteil daran, das Land zu verändern, um 1968.

„Dabei war die Studentenbewegung humorlos, wir von ,Pardon‘ waren für die führenden Kader in Frankfurt liberale Scheißer“, sagt er. „In Braunschweig haben DKP-Leute einmal einen Kurs über die bürgerliche Untugend des Lachens gegeben“, erinnert er sich kopfschüttelnd. Er selbst schlug parallel zur Satirikerlaufbahn eine höchst bürgerliche Karriere ein; er wurde Lehrer in Frankfurt, Kunsterzieher in Göttingen und schließlich Deutschlands einziger Professor für Karikatur in Berlin. „Ich traute mir nicht zu, mich als Zeichner am freien Markt zu behaupten“, sagt er mit der ihm eigenen Bescheidenheit. Außerdem sei er - anders als der Lehrerssohn Waechter und der Juristensohn Gernhardt, mit dem er sich im Studium eine Wohnung in Berlin teilte - ein klassisches Arbeiterkind: „Eigentlich wäre ich gern noch viel bürgerlicher.“

Heute hätten Karikaturisten es oft schwer: „Davon kann keiner mehr leben“, sagt er. Er selbst steht noch immer bei der „Titanic“ im Impressum, zeichnet aber nur noch sporadisch für das Blatt: „Die jungen Buben dort bedienen heute auch Internet und Fernsehen“, sagt er, und es klingt zugleich respektvoll und distanziert. Und zeichnerische Tabubrüche wie die Mohammed-Karikaturen? „Es gibt eine trübe satirische Lust zu provozieren – eine ziemlich bequeme“, winkt er ab.

Er selbst geht noch immer permanent zeichnend durch die Welt: Palmblätter, Menschen am Nebentisch – überall entdeckt er lohnende Motive. Gerade hat er mit Kuli die Herrenhäuser Gärten in seinem Block verewigt, den er selten aus der Hand legt. Im Wilhelm-Busch-Museum, wo er einen Zeichenkurs hält, gibt er seinen Schülern schon einmal auf, die ausladenden Kostüme von Hochzeitspaaren zu zeichnen: „Die Modetorheit gehört zu den ältesten Traditionen der Satire“, sagt der Mann, der für das Wesen der Karikatur eine handfeste Formel gefunden hat: den Dreiklang von „Gritik, Gomik und Grafik“. Und noch eine Weisheit hat er für seine Schüler im Busch-Museum in petto: „Zeichnen“, sagt er und grinst schelmisch, „Zeichnen fängt mit Sudeln an.“

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