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Kultur „Fair Game“: Im Namen der Wahrheit
Nachrichten Kultur „Fair Game“: Im Namen der Wahrheit
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22:58 25.11.2010
Von Stefan Stosch
Wem können sie trauen? Die Ehe von Valerie Plame (Naomi Watts) und Joseph Wilson (Sean Penn) wird auf eine harte Probe gestellt.
Wem können sie trauen? Die Ehe von Valerie Plame (Naomi Watts) und Joseph Wilson (Sean Penn) wird auf eine harte Probe gestellt. Quelle: Tobis
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Dieser Film hat alles, was man von ordentlichem Popcorn-Kino erwarten kann – eine sexy Agentin, exotische Schauplätze, Schurken in höchsten Regierungskreisen. Es geht um Lüge, Liebe und Verrat. Und doch gehört „Fair Game“ nicht in die Schublade Popcorn-Kino. So leicht macht es sich Regisseur Doug Liman nicht: Er hat es auf die historische Wahrheit abgesehen.

Deshalb widersteht der Filmemacher auch konsequent der Versuchung, seine Geschichte zum Spektakel aufzublasen. Er schöpft nicht das mögliche Action­potenzial aus, denn er hat viel mehr zu bieten als schnell verpuffende Spezial­effekte. Liman zeigt lieber so präzise wie eben im Unterhaltungskino möglich, wie Amerika mit einer dreisten Lüge in den Irak-Krieg geführt wurde.

Noch einmal verhandelt er das Schicksal der Geheimagentin Valerie Plame, deren Fall vor sieben Jahren in den USA nationale Verwerfungen auslöste. Die US-Regierung hatte Plames Diplomatengatten Joe Wilson in den Niger geschickt, um Beweise für Uranlieferungen an den Irak zu suchen, angeblich die Grundlage für den Bau von Saddam Husseins Atombomben. Wilson fand keine Beweise, trotzdem rechtfertigten Bush und Co. den Irak-Krieg mit angeblichen Transporten des hochgefährlichen Materials.

Der Diplomat war empört. Er fühlte sich benutzt und schrieb einen fulminanten Zeitungsartikel in der „New York ­Times“, der für gehörige Aufregung sorgte. Titel: „Was ich in Afrika nicht fand“. Daraufhin rächten sich die Strippen­zieher im Weißen Haus auf perfide Art: Sie ließen Valerie Plame in einem Bericht in der „Washington Post“ als CIA-Agentin enttarnen – und gingen damit darüber hinaus das Risiko ein, ihre Kontaktleute in Bagdad zu gefährden.

Naomi Watts und Sean Penn spielen das Ehepaar, das anfangs noch ein eher anstrengendes als aufregendes Doppel­leben führt. Offiziell ist Plame Anlageberaterin, insgeheim jedoch eine Topagentin des US-Geheimdienstes. Eine der aufschlussreichsten Szenen spielt bei einem Abendessen im Wohnzimmer der Plames: Jeder Gast gibt seine Meinung über Saddam Hussein zum Besten. Nur zwei sitzen schweigend daneben und wechseln gelegentlich unauffällige Blicke – die beiden Gastgeber, die viel besser wissen als alle anderen, dass der irakische Diktator nicht die Bedrohung ist, zu der ihn die US-Propaganda aufbläst. Doch noch gilt für das Ehepaar das Schweigegebot.

Als aus dem Zentrum der Macht gegen sie vorgegangen wird, wächst der Druck ins Unermessliche. Widerstandswille und Verzweiflung liegen ganz nahe bei­einander. Bald schon stehen Plame und Wilson vor den Scherben ihrer Karrieren und – so scheint es jedenfalls – auch der ihrer Ehe. Wie, fragt Wilson seine Frau einmal, soll ich wissen, wann du die Wahrheit sagst, wenn du in deinem Job dauernd lügen musst?

Bald werden die beiden in den Medien und sogar auf offener Straße als Vaterlandsverräter attackiert, jeder Winkel ihrer Beziehung wird ausgeleuchtet. Bei diesem Paar ist das Private wirklich politisch, und alles Politische beeinträchtigt das Privatleben. Erst nach einer wahren Schlammschlacht ringt sich das Paar dazu durch, sich gerichtlich und öffentlich zur Wehr zu setzen – ein Job für Sean Penn, der sich mit Furor in die Rolle des Davids wirft, der sich mit Goliath anlegt. Naomi Watts’ zurückhaltender Aufritt ist allein schon deshalb bemerkenswert, weil sie der echten Valerie Plame erstaunlich ähnlich sieht. Aber sie bietet mehr: Die wachsende Nervosität dieser Frau, die Angst um ihre zwei Kinder wird in jeder Szene spürbar.

Regisseur Liman, als Sohn eines der Ankläger in der Iran-Contra-Affäre während der Reagan-Ära mit echter politischer Intrige auf höchster Ebene vertraut, hat auch Filme ganz anderer Art inszeniert: In „Mr. & Mrs. Smith“ etwa ließ er Brad Pitt und Angelina Jolie als spaßige Auftragskiller aufeinander los, in „Die Bourne Identität“ lieferte er packende, fast hektische Action. Jetzt rekonstruiert er unaufgeregt, wie eine Regierung zwei ihrer Bürger opfern will.

Der Regisseur scheut auch die Schilderung komplexer Zusammenhänge nicht. Sein Film steht in der Tradition von Politthrillern wie „Die Unbestechlichen“ (1976), in denen das bessere Amerika schließlich die Oberhand behält und die aufrechten Einzelnen den kriminellen Staat in die Schranken weisen.

Wenn „Fair Game“ doch kein Film ist, der den Zuschauer atemlos macht, dann liegt das daran, dass wir die ganze verheerende Geschichte über den Anfang des Irak-Krieges schon aus den Medien kennen. Ein Berater des damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney wurde wegen seiner Verstrickung in die Affäre verurteilt. Präsident Bush erließ dem Mann die Haftstrafe.

Und doch verstärkt das Kino hier noch einmal auf nüchterne Weise die Skepsis gegenüber denen, die gemeinhin am längeren Hebel sitzen – und ihre Interessen mit jenen ihres Landes gleichsetzen. Die wahren Patrioten in diesem Film aber sind die anderen.

Keine Macht der Lüge: Präziser Politthriller.

Cinemaxx Raschplaz, Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar.

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