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Kultur Familiärer Ringkampf
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22:16 06.05.2015
Von Stefan Stosch
Er ahnt etwas, aber sie muss es herausfinden: Paul (Matthias Habich) schickt seine Tochter Sophie (Katja Riemann) nach New York. Quelle: Concorde/dpa
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Hannover

Als Margarethe von Trotta das Drehbuch zu ihrem Film „Schwestern oder die Balance des Glücks“ (1979) schrieb, da gab sie der einen Schwester den Namen Anna, die andere nannte sie Maria. Was von Trotta, die mit zweitem Namen Maria heißt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Sie hatte eine ältere Halbschwester Anna, die bei Adoptiveltern in Moskau aufgewachsen war.

Von Trottas Mutter Elisabeth – sie stammte aus dem deutsch-baltischen Adel – war unverheiratet schwanger geworden. Das Baby Anna hatte sie weggegeben und darüber bis zu ihrem Tod geschwiegen. Dann meldete sich Anna, die selbst erst als junge Frau von ihrem Schicksal erfahren hatte, bei der Regisseurin – und Margarethe von Trotta war plötzlich kein Einzelkind mehr.

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Die abhandene Welt, Regie: Margarethe von Trotta, 101 Minuten, FSK 0
Kino am Raschplatz. Die Regisseurin ist am Sonnabend um 20.30 Uhr zu Gast.

Es ist tatsächlich auffällig, dass Schwestern eine wichtige Rolle in von Trottas Filmografie spielen – zum Beispiel gleich in ihrem nächsten Werk „Die bleierne Zeit“ (1981), in dem sie von Christiane und Gudrun Ensslin erzählt. Jetzt – nach ihrem Film über die jüdische Philosophin Hannah Arendt – ist von Trotta zum Schwesternthema zurückgekehrt: „Die abhandene Welt“ ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit, und gerade deshalb scheint sich von Trotta nach Kräften zu mühen, das Bedrückende daran von sich abzurücken und die Geschichte mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen. Viele alte Weggefährten, angeführt von Barbara Sukowa (die jüngst erst Hannah Arendt war), dazu Rüdiger Vogler, August Zirner und Karin Dor, hat sie um sich versammelt, auch dadurch erhält der Film gewissermaßen autobiografische Bezüge.

Im Internet entdeckt der alte Brummbär Paul (Matthias Habich) eine New Yorker Operndiva, die seiner verstorbenen Frau wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Aufgeregt zitiert er seine Tochter Sophie (Katja Riemann) herbei, eine mehr oder weniger erfolglose Barsängerin – und schickt sie sogleich über den Atlantik zur ominösen Caterina (Barbara Sukowa), um das Geheimnis dieser Frau zu ergründen.

Per Handy muss Sophie Paul immer wieder den Zwischenstand ihrer Recherchen melden. Paul hat von Anfang an eine Vermutung, aber er lässt seine Tochter erst einmal im Nebel stochern. Bei Caterina stößt Sophie auf Zurückhaltung bis Widerstand, aber die eigentliche Lösung der Geschichte liegt sowieso in Deutschland. Nach und nach kommen familiäre Zerwürfnisse ans Tageslicht, die viel mit brüderlichem Zwist zu tun haben. Schuld, Verdrängung, Lebenslügen: Damit kämpft hier Pauls Generation, und das hätte ein ziemlich schwerer Kinobrocken werden können.

Das aber will von Trotta auf jeden Fall vermeiden, und dafür ist Katja Riemann zuständig, die ja jüngst in „Fack ju Göhte“ als Schuldirektorin Gudrun Gerster Furore machte. Nicht nur, dass ihre Sophie nebenbei als halbprofessionelle Hochzeitsrednerin arbeitet und Paare gelegentlich eher auseinandertreibt als zusammenbringt: Sophie wird in New York auch noch unverhofftes Liebesglück zuteil. Ein Romantiker (Robert Seeliger) taucht auf, der aus einer Soap Opera entlaufen zu sein scheint. Dieser gänzlich überflüssige Erzählstrang passt so gar nicht zu der hier betriebenen Familienzusammenführung.

Als kleines Extra hat die Regisseurin musikalische Zugaben eingestreut: Riemann singt rauchige Jazzlieder, Sukowa gibt Franz Schuberts „Der Doppelgänger“ zum Besten. Was das Drehbuch an dunklen Tönen vermeidet, liefert die Musik. Und wenn es bei der Handlung zu Hängern kommt, wird gesungen.

So stellt sich allmählich ein zwiespältiges Gefühl ein: Auf der einen Seite werden hier belastende Familiendinge bearbeitet, auf der anderen legt Margarethe von Trotta ein überbordendes Harmoniebedürfnis an den Tag. Dabei sind Schmerz und Humor durchaus in einem zu haben, wie eine der schönsten Szenen dieses unausgewogenen Films zeigt: Zwei zerstrittene Brüder gehen in einer Art Ringkampf mit Schnittblumen aufeinander los. Nicht nur Familientherapeuten sollten da sehr genau hinschauen.

Interview mit Margarethe von Trotta

Frau von Trotta, wie haben Sie davon erfahren, dass Sie eine Schwester haben?
Ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Mutter kam ein Dokumentarfilm über mich ins Fernsehen, in dem ich erstmals über meine Mutter redete. Kurz darauf meldete sich eine Frau bei mir und fragte, ob meine Mutter Elisabeth heiße und in Moskau geboren sei. Bald darauf kam ein Brief von der unbekannten Frau: „Ich bin deine Schwester.“ Sie wusste aus ihren Adoptionspapieren, wie ihre leibliche Mutter hieß und hatte eine Tochter, die mir sehr ähnlich sah.

Welche Gefühle löste diese Nachricht bei Ihnen aus?
Das war so ein Schock für mich, dass ich das irgendwann einmal bearbeiten musste. Wir hatten so ein wunderbares, liebevolles Verhältnis miteinander. Da konnte ich mir einfach nicht vorstellen, warum meine Mutter mir etwas so Lebenswichtiges nicht sagen konnte. Das hat mich erst mal gekränkt und verletzt, dass sie dieses Vertrauen nicht hatte.

Das ist mehr als 30 Jahre her. Wie bewerten Sie das Schweigen Ihrer Mutter heute?
Ich habe begriffen: Entweder wollte meine Mutter mich schützen, oder sie hatte Angst, ich könnte sie weniger lieben. Sie war manchmal ganz erstaunt, wie heftig ich sie liebte. „Das hab’ ich doch gar nicht verdient“, hat sie einmal gesagt. Im Nachhinein ist mir manches aufgefallen, wo ich merkte, sie hat durch mich hindurch auch immer das andere Kind gesehen.

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