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Kultur Nicht zynisch werden
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10:30 11.01.2015
Von Karsten Röhrbein
Quelle: Oliver Rath
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Hannover

„Die CDs sind verkratzt, das Vinyl ist verbogen, und auch ich bin etwas lädiert“: Olli Schulz, einst der Klassenkasper der Hamburger Schule, ist vor Kurzem 40 geworden. Und das hört man seinem neuen Album deutlich an. „Feelings aus der Asche“ heißt es, es ist ein Titel der zwar nach Abschied klingt, aber auch nach dem Gefühl, dass da trotzdem noch was geht. Und das klammert die zehn neuen Songs sehr gut.

Viele drehen sich um gebrochene Herzen. Das Scheitern und wieder Aufstehen begleitet den gebürtigen Hamburger, der als seine ersten Bühnenerfahrungen als Gitarrenstimmer anderer Bands sammelte, seit seinem Debütalbum „Brichst du mir das Herz, brech ich dir die Beine“. Titel wie „Mann im Regen“ oder der wie angetrunken torkelnde Walzer „Boogieman“ sind dennoch überraschend ernsthaft für einen Liedermacher, der sich bislang scheinbar für keinen Kalauer zu schade war – und damit im Fernsehen überraschend Karriere machte.

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Als TV-Anarcho zur Höchstform

An der Seite von Joko und Klaas lief er als TV-Anarcho zu Höchstform auf: In der Nischen-Show „neoParadise“ gab er den trinkfreudigen Boulevardjournalisten Charles Schulzkowski, der Promis beim Berlinale-Empfang so langeSchnäpse anbot, bis sie genervt aus der Rolle fielen. Später bei „Circus Halligalli“, stürmte Schulz schon mal auf die Bühne, um mit den Moderatoren zu rangeln, wenn die PRO7-Prime-Time Show zu routiniert dahinplätscherte. Seine stärksten TV-Momente hatte der gebürtige Hamburger aber vor Kurzem in seiner eigenen Sendung „Schulz in the Box“: Sein Team expedierte den Entertainer dort an ungewöhnliche Orte: In die WG von bekifften „Fuck vor Forest“-Aktivisten etwa, nach Japan oder in die JVA Hannover. Allein für diese Episode hätte der Grenzgänger den Grimme-Preis verdient. Schulz lachte mit den Häftlingen statt über sie, schwieg an den richtigen Stellen und machte sich nie gemein mit den Gefängnisinsassen. Unterhalten, aber ohne zynisch zu sein, das war Schulz’ eigentliche Mission.

Doch die Box hat er, ebenso wie die Karriere im Schatten von Joko und Klaas, an den Nagel gehängt, um sich wieder ganz der Musik zu widmen – nach einen kuriosen Kino-Gastspiel als Bösewicht in „Bibi & Tina 2“.

Mit Schrammelgitarrensound zum Szenestar

Der Schrammelgitarrensound, mit dem Schulz seit 2003 zum Szenestar avancierte, wird auf „Feelings aus der Asche“ oft von den Klaviermelodien von Arne Augustin überlagert. So auch in „Als die Musik noch richtig groß war“, dem wohl besten Titel des sechsten Olli-Schulz-Albums. Darin singt der Wahl-Berliner vom Trost und der Kraft, den Songs ihm als Teenager spendeten. Eigentlich ist auch das ein moll-verhangenes Liebeslied: Weil das Mädchen, mit dem er im Song beim Punkrockkonzert knutschte, inzwischen weit weg ist. Und weil Musik im Zeitalter von Streamingdiensten viel von ihrer Magie eingebüßt hat. Man muss eben nicht mehr stundenlang vor dem Radio ausharren, um das Lieblingslied zu hören. Und trotzdem, das ist Schulz’ trotzige Pointe, macht er mit dem nächtlichen Songschreiben weiter. Dazu spielt Augustin den schwelgerischen Klavierrefrain von Ben Folds’ Abschiedshymne „Gone“ – zumindest so lange, bis Schulz darüber singt, wie die Tür aufgeht und seine Tochter fragt: „Papa, was machst du für’n Krach?“

Mit Unterstützung von Gisbert zu Knyphausen (Bass) und Ben Lauber (Schlagzeug) probiert Schulz vieles aus. Manchmal leider auch eine Überdosis Pathos. Zeilen wie „Ich möchte kostenloses Popcorn für jedes Kind in dieser Stadt“ mögen sensiblere Naturen vielleicht gleich bei Facebook teilen, nur zum ruppigen Humor eines Olli Schulz will derlei Peter-Maffay-Poesie nicht so recht passen. Im schlurfend dahingerappten „Passt schon!“ hingegen ist Schulz wieder ganz bei sich. Der begnadete Schnacker hadert hart wie humorvoll mit seinem Klamauk-Image: „Ich hab ja nichts gelernt, und das kommt davon!“.

Der Refrain von „Das kann hässlich werden“ klingt nach einer überschwänglichen Fettes-Brot-Knutsch­nummer – obwohl Schulz darin über das Ende einer Liebe singt: „Und dann kommt wieder Drama und dann die große Geste / Und dann bricht alles weg, und dann kommt schon der Nächste.“ Das ist so präzise wie ernüchternd. Und irgendwie auch ganz schön witzig. Irgendwie geht’s ja doch immer weiter.

„Feelings aus der Asche“ von Olli Schulz ist soeben bei Trocadero erschienen.

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