Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Fender? Ist sexy!“
Nachrichten Kultur „Fender? Ist sexy!“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:24 19.03.2010
Von Volker Wiedersheim
Sofa away from me: Mark Knopfler entspannt sich – natürlich mit Gitarre. Quelle: Handout

„Ich freue mich, wenn Sie sich auf das Interview gut vorbereiten“, so hatte es in der Einladung geheißen. Eine deutlicher Hinweis, fast eine Warnung: Der einstige Kopf der Dire Straits, am 17. Juni 2010 aber als Solist mit Begleitband in der Hannoverschen TUI-Arena zu Gast, wird nachgesagt, ein zuweilen schwieriger Interviewpartner zu sein: Knopfler zugeknöpft?
London, Vorort Chiswick, Regieraum von Knopflers British Grove Studios: Tür auf, eine Legende schlendert herein. 33 Jahre Rockgeschichte verpackt in eine Strickjacke. Er setzt sich, lehnt sich zurück, streift die Schuhe ab, legt die Füße hoch und nimmt Maß. Ein Königreich für eine gute erste Interviewfrage.

Herr Knopfler, Sie haben Journalismus studiert …
Vor sehr, sehr langer Zeit.

… was wäre Ihre erste Frage in diesem Interview?
Was machen Sie am liebsten?

Was machen Sie am liebsten?
Lieder komponieren.

Haben Sie heute schon eins komponiert?
Ich habe mir ein paar Liederskizzen noch mal angeguckt, um zu sehen, ob mir da etwas Neues einfällt.

Singen Sie unter der Dusche?
Nein.

Haben sie jemals …
Geduscht?

… unter der Dusche gesungen?
Manchmal geht mir dabei Musik durch den Kopf.

Aus der Dusche rund um die Welt: Mark Knopflers Band, die Dire Straits sind ein Phänomen. Brave Buben eigentlich. Viel zu nett für ihre Zeit, damals 1978/1979. In den USA feiern die Rockfans die (Neu-)Entdeckung der Rolling Stones. Kollege Mick Jagger vermählt in „Some Girls“ mit Unanständigkeiten über den Eros Schwarzer New Yorkerinnen Rock und Rage. London ist auf Krawall gebürstet, Punk sei Dank. Höchstens drei Akkorde, höchstens drei Minuten pro Song. Und da kommt der kopflastige Knopfler um die Ecke und knarzt Kurzgeschichten zu Kompositionen in Übergrößen. Mehr elegisch als elektrisch. Es gibt Startschwierigkeiten. Der Durchbruch der Dire Straits braucht Zeit in jeder Hinsicht.

Nach mehr als 30 Jahren als Musiker: Es wird Ihnen noch nicht langweilig zu komponieren, Musik zu machen aufzunehmen?
Nein. Es ist phantastisch. Musik selbst ist so etwas Tiefgründiges und Unendliches.

Wie hat sich Ihre Art zu komponieren und Ihre Einstellung zur Musik geändert über die Jahre?
Ich beginne, mehr und mehr das Talent zu respektieren, das ich habe. Das muss man lernen. Musik ist für mich ein wunderschönes Geschenk. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sind Sie dankbar dafür, dass Sie nach so vielen Jahren immer noch einen Song wie „Sultans of Swing“ spielen können?
Ja. Es ist unglaublich, was manche dieser Songs den Menschen in ihrem Leben bedeuten.

Musikalischer Meilenstein: Das Album „Brothers in Arms“ bricht Rekorde und erschließt Neuland. Mehr als 30 Millionen Mal wurde die auf der Karibik-Insel Montserrat aufgenommene Platte weltweit bisher verkauft. Es war das Album, dass komplett digital produziert wurde, und die CD als Dreingabe sollte den Verkauf von CD-Playern bei deren Markteinführung ankurbeln. In der Einleitung zum Lied „Money for Nothing“ singt Gastmusiker Sting mit, ebenfalls gerade zu Aufnahmen auf Montserrat, mehrfach die Zeile „All on my MTV“. Keine Überraschung, dass der Musik-TV-Sender sein Europaprogramm im August 1987 mit diesem Lied begann. Der Videoclip – als erster des Genres weitgehend durch Computeranimation geprägt – machte Mark Knopfler im Sacko und mit dem Stirnband in Neonfarben zur Pop-Ikone.

Macht es eigentlich Spaß, die alten Hymnen immer noch zu spielen?
Absolut. „Brothers in Arms“ ist immer noch so eine Riesengeschichte für viele Leute. „Romeo and Juliet“ auch und „Local Hero“ auch. Menschen feiern mit diesen Liedern Geburten und Hochzeiten, das Leben und Tod, Niederlagen und Siege. Wenn man die ersten Töne dieser Lieder anspielt …: buff! Dann spüre ich auf der Bühne, welche Energie diese Lieder bei den Menschen erzeugt.

Können Sie diese Reaktion praktisch per Knopfdruck erzeugen?
Du musst ehrlich zu dem Song und zum Publikum sein, sonst merken das Publikum, dass Musiker nur eine einstudierte Rolle spielen. Da muss man vorsichtig sein. Ich spiele die Songs nie Note für Note wie sie auf dem Album sind.

Halten Sie die Qualität, oder spielen Sie Ihre Songs inzwischen besser als früher?
Ja, sicher.

Auch eine Nummer wie die „Sultans“, die Sie schon eine Zillion Mal gespielt haben?
Klar.

Diese Songs haben kein Verfallsdatum, oder?
Gute Frage. Ich denke die Songs haben das nicht. Aber manche Ideen für Lieder sollten nicht zu lang im Regal liegen, bevor sie endlich das Tageslicht erblicken.

Wie lang dauerte die längste Geburt eines Songs von Ihnen?
Viele Jahre. „Rüdiger“ ist so ein Beispiel. Ich habe kurz nach Jon Lennons Ermordung 1980 den Text geschrieben. Und erst 1996 war die Musik dafür fertig. Bis dahin hatte ich vom Text nicht ein einziges Wort geändert.

Das Internet weiß alles. Es heißt, sie hätten 115 bis 120 Millionen Platten verkauft in Ihrer Karriere. Wann haben Sie aufgehört zu zählen?
Ich habe nie mitgezählt. Überhaupt nicht. Ich erinnere mich, dass mal einer gesagt hat, das erste Album hat es auf sechs Millionen Auflage gebracht. Das ist die einzige Zahl, an die ich mich erinnere. Danach habe ich nie wieder Notiz davon genommen.

120 000 000: Können Sie so eine Zahl überhaupt verstandesmäßig erfassen?
Nein, natürlich nicht. Ich glaube sie auch nicht. Da sind bestimmt Singles und Kompilationen eingerechnet. Das ist eine gehypte Zahl.

Aber die Zahl ist griffig.
Ach, dein Manager bekommt viel davon ab, deine Buchhalter bekommen viel ab, deine Anwälte und das Finanzamt bekommt am meisten davon ab. Wenn ich höre, dass Robbie Williams oder Madonna oder irgend jemand einen Vertrag über zehn Millionen abschließt ... So funktioniert mein Leben nicht. Ich muss für meine Alben bezahlen, für die Studiozeit, man muss einnehmen, was man an Unsummen ausgegeben hat. Eine Platte ist ein teurer Spaß.

Die Leute auf der Straße denken sicher. Mark Knopfler ist der Mann, der alles hat. Haben sie Recht?
Ja. Ich habe schon viel Glück gehabt. Wir haben eine gute Zeit für Pop-Alben erwischt. Jetzt ist es eine gute Zeit für Live-Konzerte. Aber es ist eine schwere Zeit für junge Musiker. Es gibt da einen Tsunami von Musik, der überall auf aus einstürzt. Oder ein Schneesturm von Musik. Es ist so schwer, in Gang zu kommen und sich zu behaupten. Ich hatte es da besser.

Könnten die Dire Straits heute noch bei einer Plattenfirma landen?
Wir würden da sicher als eine Indie-Band gelten. Wahrscheinlich hätten wir keine Chance.

Englischstunde: Wer in „dire straits“ ist, der ist klamm, abgebrannt, in einer echten Notlage. Wie passend für den Start von Knopflers Musikerkarriere. Bei Plattenfirmen blitze er zunächst ab, und erst als Radiostationen die semiprofessionell erstellten Musikkassetten sendeten, wurde die Musikindustrie aufmerksam. Aber das große Geld ließ auf sich warten. 18 Monate dauerte es von der Unterschrift des ersten Plattenvertrages bis zum ersten Scheck. Da war das Debüt-Album längst ein Millionending.

Wofür haben Sie zuletzt Geld verschwendet?
Zuletzt, hm?

Verschwenden Sie überhaupt Geld?
Ich habe nichts für Glückspiel übrig. Aber ich würde ... (lacht). Ja, ich habe mir da ein Motorrad gekauft, obwohl ich kaum Gelegenheit habe, es oft zu benutzen. Eine 2003 Buell.

Eine was?
Eine Buell, ein echtes Hooligan-Motorrad. Mit einer Harley-Davidson-Maschine drin. Das ist eine Sportmaschine. Sie ist sehr laut. Sie macht viel Spaß. Ein perfektes Beispiel, wofür ich Geld verschwende. Ich habe auch ein paar Autos ...

In der Studio-Garage stehen zwei Porsche, und ein sehr teuer aussehende Mercedes.
... aber ich habe gar nicht so viel Zeit zum Geldausgeben, weil ich immerzu Songs schreibe und Musik aufnehme. Aber diese Autos ... Eine kindliche Schwäche. Sie sehen aus wie die Autos, die ich als kleiner Junge gemalt habe. Ich habe auch Motorräder gemalt. Und Gitarren. Unendlich viele. Kinderkram.

Man sagt von Ihnen, sie halten die Form der berühmten Fender-Stratocaster-Gitarre für sexy.
Ja, sehr sexy.

Ist das Kinderkram?
Ich war zu jung, um alles zu wissen. Aber irgendwie fand ich das attraktiv und wollte mit diesen Gitarren zu tun haben.

Stimmt es, dass Sie „Fender“ für eines der schönsten Wörter halten?
Es ist schön, weil es für etwas Schönes steht. Eine Fender ist ein Objekt der Begierde. Ich weiß noch heute, wie die Fender-Kataloge in meiner Jugend gerochen haben, so oft und genau habe ich sie gelesen.

Sind Sie als Rock-Virtuose eigentlich ein Anachronismus oder die Zukunft des Pop?
Man muss nicht der größte Gitarrenspieler sein. Es geht nicht um Virtuosität. Musik macht bescheiden. Die meisten Musiker, die ich wirklich bewundere, sind keine Virtuosen. Manchmal verbinden sich Musikalität und Virtuosität auf geniale Weise. Aber mir geht es heute nicht darum. Mir ist es viel wichtiger, anständige Songs zu schreiben.

Lassen wir die Bescheidenheit mal kurz beiseite …
Aber Musik macht wirklich bescheiden, glauben Sie mir. Als ich das erste Mal das Meer gesehen habe, soll ich laut meinen Eltern gesagt haben: Es ist zu groß. Und so ist auch Musik. Einfach zu groß. Und die Welt ist voller großartiger Musiker. Und wenn ich irgend etwas bedauere, dann, dass ich die Gitarre nicht ernst genug genommen habe. Wenn ich nur früher mehr geübt hätte. Erst fange ich damit an.

Sie üben?
Ja, ein bisschen, um Akkorde besser zu verstehen. Und um die Fingermuskeln geschmeidig zu halten. Cruisen, ohne heißzulaufen.

Da draußen in der Welt gibt es Zehntausende Gitarristen, die versuchen so zu spielen wie Sie.
Ja, einer oder zwei.

Die Video-Internetseite YouTube ist voller Filme, die Ihre Techniken erklären. Sind sie gern Lehrer?
Ja, das ist ein guter Anfang für junge Gitarristen. Zuerst kopieren, und von da aus geht es weiter.

Haben Sie jemals Leute gehört, die gut darin sind, so wie sie zu sein?
Viele von diesen Tribute-Bands sind wirklich gut.

Mindestens die Hälfte von denen nennt sich „Sultans of Swing“.
Keine Ahnung. Aber das wäre okay.

Gibt es jemand, der besser Mark Knopfler spielen als Mark Knopfler.
Ja, muss es einfach geben. Ich bin schließlich faul. Meine Zupftechnik ist ganz okay, aber ich müsste viel mehr mit dem Plektron üben.

Haben Sie eins in der Hosentasche?
Ja. Fast in jeder Hose. Die bleiben in der Tasche und werden mitgewaschen.

Haben Sie eigentlich schon mal in der Jury einer Pop-Casting-Show mitgemacht?
Nein, das ist alles ganz schrecklich, rückschrittlich und ausbeuterisch, schaurig, schaurig, schaurig – jetzt höre ich auf.

Gehört das zu dem Tsunami aus Musik, der auf alle einstürzt?
Wenn man heute kleine Kinder fragt, was sie einmal werden wollen, antworten sie: „berühmt“. Fragst man: „Wofür?“, fragen sie zurück: „Wie, wofür?“ Sie haben es umgedreht. Erst berühmt werden, dann Musik machen. Es ist ein Horror. Eine komplette Spinnerei.

Es heißt, sie hätten vom berühmten Nashville-Gitarristen Chet Atkins kurz vor dessen Tod zwei Couverts bekommen. Was ist drin?
Nur Gitarren-Noten. Er hat mir Sachen gegeben, damit ich sie übe. Hausaufgaben.

Schon erledigt?
Nein. Sie sind oben und warten auf mich. Ich bin einfach zu beschäftigt.

Sie sind gerade 60. Ist Ihr aktuelles Album „Get Lucky“ Ihr letztes?
Nein, nein. Keine Chance. Ich habe noch so viele Songs, und es sollen noch viele dazukommen. So sehr ich es liebe, auf Tournee zu gehen, so sehr bedauere ich, dass es mich vom Komponieren abhält.

Als der Journalist, der Sie mal waren, welche Überschrift würden Sie Ihrer Story bis hierher geben?
Irgendwas mit Waschsalon.

Zeitzeichen: Die vereinbarte Interviewdauer ist bereits fünf Minuten überschritten. Knopflers Manager betritt die Regie. Knopfler sagt: „Er will Sie ein bisschen einschüchtern. Aber wenn’s noch Fragen gibt …“ Keine Fragen mehr. Nur noch ein Autogrammwunsch aus Deutschland. Knopfler – amüsiert – schreibt auf einen 10-Euro-Schein seinen Namen und „Money for Nothing“. Warum nur gilt er als schwieriger Interviewpartner?

Das Sozialdrama „Das weisse Band" von Michael Haneke wurde in 13 Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert und gilt damit als Favorit. Sechs Nominierungen gehen an „Die Fremde“ von Feo Aladag, fünf Nennungen an Hans-Christian Schmids „Sturm“.

19.03.2010

Im Juli sollen die Dreharbeiten zum Film „Der Hobbit“ des britischen Autors J.R.R. Tolkien in Neuseeland beginnen. Das Casting habe bereits begonnen, Ian McKellen werde wieder den Zauberer Gandalf spielen. Regie führt der Mexikaner Guillermo del Toro.

19.03.2010

Sie wirken fast erleichtert. Wenn die Scorpions dieser Tage über die Verkaufszahlen für ihre Abschlusstournee berichten, geben sie sich „erfreut“ und finden es „großartig“, wie ihre „Fanbase“ ihnen noch einmal die Ehre erweist. So selbstverständlich ist das gerade in Deutschland nicht.

Uwe Janssen 18.03.2010