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Kultur „Es werden immer Fragen bleiben“
Nachrichten Kultur „Es werden immer Fragen bleiben“
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20:38 09.03.2014
Foto: Peter Nickl, Professor für Philosophie, ist Mitveranstalter des Festivals für Philosophie, 55 Jahre alt, hat in München und Pavia Philosophie studiert, lehrt und forscht über Philosophische Anthropologie, Ethik, Philosophie des Mittelalters.
Peter Nickl, Professor für Philosophie, ist Mitveranstalter des Festivals für Philosophie, 55 Jahre alt, hat in München und Pavia Philosophie studiert, lehrt und forscht über Philosophische Anthropologie, Ethik, Philosophie des Mittelalters. Quelle: Surrey
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Beim 4. Philosophie-Festival setzen Sie geradezu ein Megathema aufs Tapet: Gerechtigkeit. Damit ist ein ganzes Bündel erkenntnistheoretischer und lebenspraktischer, sozialer und ethischer Fragen verknüpft. Kann man das in weniger als vier Tagen abhandeln?
Das kann man natürlich nicht. Aber man kann doch der Fülle an Perspektiven, die das Thema Gerechtigkeit bietet, sehr viel abgewinnen.

Fürchten Sie nicht, dass es am Ende heißt: der Vorhang zu und alle Fragen offen?
Das genau ist aber auch das Kapital der Philosophen, es werden immer Fragen bleiben, das ist das Schicksal der Philosophie. Klar, im Wettkampf mit den Naturwissenschaften, die neue Erkenntnisse mit praktischen Folgen produzieren, schneiden wir Philosophen schlechter ab, aber nur wenn man sich dem Paradigma linearen Fortschritts beugt …

Offene Fragen sind nicht das schlechteste Resultat, wenn sie dabei präzisiert werden.
Darum geht es. Ums genauere Fragen nach Gerechtigkeit. Wenn der Stammtisch Gerechtigkeit diskutiert, dann werden oft schnell hohe Unternehmensgewinne oder niedrige Löhne beklagt. Dabei kann man nicht nur über Verteilungsgerechtigkeit, sondern auch über Generationengerechtigkeit diskutieren. Etwa darüber, was geschehen muss, damit die jetzt Lebenden durch ihren Umgang mit Ressourcen nicht auf Kosten künftiger Generationen leben.

Früher wurde Gerechtigkeit oft mit Gleichheit in Zusammenhang gebracht. Heute ist beispielsweise eher von Chancengerechtigkeit als von Chancengleichheit die Rede. Weicht man mit solchen Formeln nicht eher der Gleichheitsdebatte aus?
Tja, was ist Chancengleichheit? Müssen alle gleich gute Pianisten, Stabhochspringer oder Journalisten werden? Oder sollte sich jeder nach seinen Talenten entwickeln dürfen? Aristoteles hat darauf bestanden, dass Gerechtigkeit darin liegt, Ungleiches ungleich und nur Gleiches gleich zu behandeln.

Gerechtigkeit lässt sich individuell und sozial, ethisch und juristisch erörtern. Was gesellschaftlich als Recht gesetzt wird, kann individuell als ungerecht empfunden werden. Wie bringt man diese beiden Seiten zusammen?
Was ist Gerechtigkeit? Wir werden keine Charta von Begriffen abarbeiten, wir widmen dieser Frage aber ein Podium, das sie philosophisch, soziologisch und juristisch erörtert – mit dem Philosophen Axel Honneth, dem Soziologen Hartmut Rosa und dem Juristen Horst Dreier.

Die Staatsrechtslehre ist ja sozusagen ethisch enthaltsam: Gesetztes Recht erhebt keinen moralischen Heilsbringeranspruch, gilt jedoch gleichwohl für alle ihm Unterworfenen. Ist diese rechtspositivistische Haltung auch philosophisch befriedigend?
Gewiss nicht. Wir werden auch der Frage nach dem Rechtsursprung nachgehen – in Anlehnung an Thomas von Aquin, vom Menschen gesetztes Recht, Naturrecht und göttliches Recht, unterschieden hat.

Was als gerecht empfunden wird, kann regional sehr verschieden sein. Das Festivalprogramm sieht einen europäisch-afrikanischen Brückenschlag vor. Wozu?
Wer nach universellen Maßstäben fragt, muss sich auch global ausrichten. Afrika ist jahrhundertelang zu kurz gekommen, ist der ausgebeutete, der vergessene Kontinent. Da wollen wir die Frage aufwerfen, ob wir „gerechtes Dasein“ für uns beanspruchen können, wenn unser Lebensstandard zugleich Lebenschancen auf dem Schwarzen Kontinent mindert.

Damit sind wir beim Völkerrecht. Das hat Immanuel Kant 1795 als Fortschritt auf dem Weg zu einem „ewigen Frieden“ betrachtet. Der aber lässt auch 200 Jahre später noch immer auf sich warten. Auch weil autoritäre Regime sich jede Einmischung verbitten, ganz gleich wie ungerecht oder grausam die Zustände da sind. Muss man sich damit abfinden?
Da hat sich doch nicht nur philosophisch, sondern auch politisch einiges getan. Gerade begehren doch die Ukrainer gegen Moskaus Hegemonialstreben auf, letztlich aus dem Geist des kantischen Universalismus.

Gibt es da neben politischen auch philosophische Aufgaben?
Wir erleben ja, dass etwa der Iran sich neu aufzustellen versucht. Das ist eine Folge des Legitimationsdrucks, der aus der universalistischen Debatte entspringt, die zu führen auf die philosophische Agenda gehört. 
Gerechtigkeit, das ist ein unbestreitbar hohes Gut.

Aber überhöhen Sie mit dieser Themensetzung nicht auch ein wenig den Alltag von Philosophen, weil damit unterstellt wird, dass die stets den ganz großen Fragen nachgehen? 
Klar, im normalen Wirtschaftsleben fristen Philosophen eher eine Randexistenz. Aber damit sind sie wichtige Exponenten erkenntnisskeptischen Zweifels, stehen für das Gegen-den-Strom-Schwimmen. Ob ein Philosoph nur für die oder auch von der Philosophie lebt, das bleibt letztlich eine offene, nur von Fall zu Fall zu entscheidende Frage.

Welche Agenda würden Sie Besuchern des Philosophie-Festivals empfehlen? Können Sie Breschen durchs Dickicht des immerhin 45 Seiten starken Programms schlagen?
Die Besucher können diesmal eine große Formenvielfalt erleben – es gibt nicht nur Vorträge und Podien, sondern auch Filme, Lesungen, Ausstellungen und ein Schülerprogramm. Hochkarätig besetzt ist am Freitag das Leibniz-Symposium zu Recht und Gesetz, ebenso wie das Gerechtigkeitsforum am Nachmittag. Am Sonnabend liest Katja Petrowskaja aus ihrem neuen Roman „Vielleicht Esther“, und am Sonntag findet im Rahmen des Festivals auch die Jahrestagung der Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie statt. Am Freitagvormittag lohnt sich bestimmt auch die Diskussion von Schülern mit Cornel West, dessen Auftaktveranstaltung leider, genauso wie ein Poetry-Slam, schon ausgebucht ist.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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